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Visite, Arztgespräch und Untersuchung, das sind die neuen „Meetings“

(aktualisiert am 3. März 2020 – ursprünglicher Text vom 31. August 2019)

In Krankenhäusern ist es oft so, dass es jeden Tag eine Visite gibt. Meist eine Chefarztvisite, eine Oberarztvisite und dazu noch die täglichen Visiten der/s Stationsärztin/es. Manchmal sind auch Psychoonkologen dabei. Zu Letzteren komme ich hier ausführlicher. Gerade bei der Chefarztvisite fühlt man sich häufig überrumpelt und ganz, ganz klein.

Die allgemeine Anspannung, die wie eine Welle ins Zimmer schwappt, ist regelrecht zu greifen. Die Minen sind hochkonzentriert. Die Sache ist komplex und meist hat die aktuelle Abordnung dazu noch irgendwelche aussagekräftigen (Untersuchungs-)Ergebnisse zu deiner Akte bzw. deinem Befund mitgebracht, die mit dir zu besprechen sind. Man merkt es eigentlich schon vorher, bevor die Tür aufgeht. Dann wird vor dem Zimmer gemurmelt, geraschelt und angestrengt geflüstert. Manchmal hörst du sogar noch deinen Namen … was reden die bloß über dich! Die Minuten bis dahin, bis sich die Tür schließlich öffnet, sind unendlich lang und quälend. Stehen sie dann alle an deinem Bett, ahnt jeder Patient schon, was es heißt, wenn die Ärzte dem eigenen Blick ausweichen, dir nicht mehr in die Augen schauen, schauen können. 

Bei der „großen Visite“ wird der Chefarzt üblicherweise von einem großen Tross begleitet. Er ganz vorne, dann die Oberärzte, es folgen die Stations- und die Assistenzärzte, eine Krankenschwester (aber das ist selten geworden), ja und dann noch jede Menge Studis. Eine Fußballmannschaft ist nix dagegen. Diese „weiße Wolke“ macht schon Eindruck und auch etwas Angst. Zumindest ging es mir immer so.  

Die Kunst, Fragen zu stellen

Damit du gerade dann deine Fragen anbringen kannst, empfehle ich dir, diese vorher aufzuschreiben. Notiere dir alles, was du wissen möchtest. Und: versäume nicht, nachzufragen, wenn du etwas nicht verstehst. Bleib am Ball und lass dich nicht abwimmeln. Dies gilt übrigens auch für Arztgespräche in der Praxis oder bei den begleitenden Untersuchungen. Immer schön vorbereiten und fragen, fragen, fragen.

Denn merke: Selbst wenn die Visite noch im Zimmer ist, aber beim Bettnachbarn angekommen ist, haben sie für deinen Fall keine Antenne mehr. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich dann auf deine(n) Zimmergenossen/in. Das ist auch richtig so und zu respektieren. Warum? „Weil dann Fehler passieren“, so hat man mir es mal erklärt. Ganz einfach und sinnvoll also. Daher nutze die Chance und hake nach, so gut du kannst. Nimm dir deine Zeit. Wenn nötig und möglich, lass eine(n) Angehörige(n)/Freund(in) dazukommen, der/die dich unterstützt.

Als praktischen Leitfaden und wertvolle Hilfestellung habe ich auf der Seite von German Cancer Survivor zwei Fragebögen entdeckt, die ihr euch anschauen solltet. Auch wenn das ein oder andere nicht auf euren konkreten Fall zutrifft, bilden sie eine gute Grundlage für eure Kommunikationsstrategie. Bitte sehr.

Sag, wie es dir geht

Wichtig ist auch, dass ihr den Arzt nicht schont. Ja, ihr habt richtig gehört. Ich meine damit: sagt, wenn es euch schlecht geht. Bei einigen meiner lieben Mitpatienten konnte ich das öfter beobachten. Vor der Visite schleppten sie sich ins Bad, es ging ihnen schlecht und sie jammerten vor Schmerzen. Im Beisein der Ärzte war das aber alles kein Thema mehr. Am liebsten hätte ich mich eingeschaltet (manchmal habe ich es sogar getan, muss ich gestehen). Für eine gute Behandlung – im doppelten Sinn – ist es essentiell zu zeigen, zu äußern, wie es in euch aussieht. Verheimlichen hilft niemandem. Sag auch, wie es deinen Lieben zu Hause geht, „Ärzte von heute“ achten darauf, sie müssen es sogar.

Haltung und Persönlichkeit

Wenn es dein Gesundheitszustand zulässt, ziehe dich an (keine Nachtwäsche) und mach dich etwas zurecht. Setze dich im Bett auf oder (noch besser) an den Tisch im Zimmer. Aber wie gesagt, nur wenn es geht. Alles zusammen hilft dir, den Tagesablauf zu gestalten. Das ist gut für die gesamte Haltung und dein Wohlbefinden – auch ohne Visite. Der Sinn dahinter ist reine Psychologie. Die Ärzte nehmen dich anders wahr, auch sie sind Menschen. Du kommunizierst auf Augenhöhe. Denn natürlich bist du Patient/in, aber das ist ja nicht dein Beruf, deine Persönlichkeit. Dich machen ja noch so viele andere Dinge als die Erkrankung aus und das solltest du auch zeigen bzw. durchschimmern lassen. Wenn du im Krankenhausnachthemd im Bett liegst, obwohl du es nicht müsstest (!), bist du ein Patient von vielen. Tipp: Liegt ein Buch auf deinem Nachttisch, macht ganz bestimmt einer aus der Ärzteschaft (gerne jemand aus der „3. Reihe“) eine Bemerkung über deinen Lesestoff und schwuppdiwupp hast du wieder ein kleines Stück deiner Individualität gesetzt, die sonst einfach flöten geht. 

Patient ist nicht mein Beruf

Was mich immer angetrieben hat, ist  der Punkt, den ich oben bereits erwähnt habe, dass ich meine Persönlichkeit, meinen Background ja nicht an der Anmeldung abgegeben habe. Ich habe einmal zu einem Arzt gesagt: „Wissen Sie, mein Beruf ist nicht „Patientsein“ ich habe tatsächlich ein Vorleben, einen Beruf/Ausbildung, eine Geschichte, bin Teil einer Community, einer Familie.“ Darauf hatte er mir dann später gestanden: Nella, ich habe Sie „gestalkt“. Ich habe mir angeschaut, was ich im Netz über Sie finde und war beeindruckt. Sie haben Recht, Sie sind mehr als „nur“ Patientin.“ Das hatte mich sehr gefreut – er hatte mich ernst genommen, sich für mich interessiert und sich mal anders mit mir beschäftigt als nur als Patientin, als Patientenakte.

Vortrag: „Dumme Fragen gibt es nicht“

Was ich in dem Zusammenhang bei meiner Recherche im Netz gefunden habe, möchte ich euch nicht vorenthalten. Nämlich einen wirklich guten Vortrag (Teil eines Webinars von Takeda) über die Patient-Arzt-Kommunikation von Frau PD Dr. Monika Keller, Fachärztin für Innere Medizin und Psychotherapeutische Medizin sowie langjährige Leiterin der Sektion für Psychoonkologie, Universitätsklinikum Heidelberg.

Besonders gut fand ich den von Frau Dr. Keller herausgestellten Aspekt des Verstehens und verstanden Werdens. Das ist das entscheidende Wechselspiel zwischen Patient und Arzt und führt im günstigsten Fall sogar zur Mitgestaltung der eigenen Behandlung. Das ist das Beste, was dir passieren kann. Finde ich jedenfalls.

Nun aber genug der Vorrede. Hier geht es zum Vortrag: „Dumme Fragen gibt es nicht! – Wie lässt sich die Kommunikation von Tumorpatienten mit Arzt und Behandlungsteam verbessern?“ Dauer: 24 Minuten.

Empfohlener Einstieg : bei Minute 1 Gute Sprungmarken: ab Minute 6 „Was hilft Patienten“, ab Minute 8 „Verstehen und verstanden werden“, ab Minute 15 „Was kann der Patient zur guten Kommunikation beitragen“.

Schreibt mir gerne eure Kommentare dazu.

Eure Nella

 

 

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