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Meine Haare gehören zu mir

Man könnte jetzt denken, boah, ist die eitel! Hat die denn sonst keine Probleme? Haare wachsen doch wieder nach. Warum macht die so ein Bohei um ihre Haare?

Grundsätzlich richtig. Von außen betrachtet lässt es sich allerdings leicht reden. Wahrscheinlich hätte ich einer lieben Freundin in einer vergleichbaren Situation ebenfalls gesagt „Süße, Haare wachsen doch wieder. Hauptsache, du wirst erst mal wieder gesund“, aber wenn es dich selbst, so ganz konkret betrifft, nicht mehr Theorie ist, sondern harte Realität, fühlt sich das ganz anders an. Denn wie sagte jemand mal ganz richtig: Haare sind das einzige Kleid, das man anhat, auch wenn man nackt ist. Sie schützen dich.

Glänzende Haare zeigen, du bist gesund, dir geht es gut. Lange Haare haben was Sinnliches, Erotisches, wenn sie sich sanft auf nackte Frauenrücken schmiegen, oder flirtend, kokett nach hinten geworfen werden, um den Auserwählten zu bezirzen. Lange Haare sind dazu noch oft über Jahre mühsam gezüchtet, gehegt und gepflegt worden. Sie sind wichtiger Teil deines Wesens, deines Ausdrucks, deiner Erscheinung.

Schmerzhafte Einsicht

Ich hatte heftige Angst vor dem Moment, nachdem klar wurde, dass der Haarverlust auch mich treffen würde. Denn natürlich hatte ich meinem Arzt ziemlich schnell diese bange Frage gestellt: Werden meine Haare ausfallen? Alle? Oder nur einige? Bleiben Löcher? Der Arzt lächelte milde und betonte, dass das alle sofort fragen. Wie ein Reflex. Und das unterstreicht meine bereits oben formulierte These: Eine solche Nachricht trifft jede, aber wirklich jede Frau gleichermaßen hart. Manche versuchen es tapfer wegzulächeln oder sie sagen: Hauptsache, ich werde wieder geheilt. Dennoch trifft es dich ins Mark.

Machst du deine Glatze sichtbar, wissen es alle, du fühlst dich schutzlos den Blicken der anderen ausgeliefert. Denn Glatzen bei Frauen haben sich – soweit mir bekannt ist – bisher nicht als modischer Trend durchgesetzt. Während Männerglatzen durchaus salonfähig und im Gesellschafsbild angekommen sind, sogar für Männlichkeit stehen, trifft das nicht unbedingt auf Frauenglatzen zu. Es sei denn man ist Künstlerin und das war ich nun leider nicht. Ich und kurze Haare – undenkbar. Glatze: ausgeschlossen! Nella gibt es nur mit langen Haaren.

Eine neue Welt

Aber mit einer Chemotherapie bleibt bis auf wenige Ausnahmen der Verlust der Haare eben nicht aus. „Da musste jetzt durch“, dachte ich. Nach der ersten „Chemo-Sitzung“ hatte ich gleich einen Termin im Perückenfachhandel meines Vertrauens vereinbart. Meine Ma und meine Freundin Kati zur Verstärkung im Schlepptau. Die Zweithaar-Fachverkäuferin hatte mir vorher schon gesagt, kommen Sie, wenn die Haare noch dran sind, dann können wir besser sehen, wie Sie mit Haaren aussehen, was ihr Typ ist.

„Prosecco!“

Okay, da stand ich also. Über all waren Kisten übereinandergestapelt, standen Schaufensterköpfe mit verschiedenen Haarkleidvarianten. Es war im Grunde wie beim Friseur nur intimer – anders. Jeder Kunde hat sein eigenes Séparée, seine eigene Kabine, schön mit Vorhang abgetrennt und mit einem „Getränk des Hauses“. „Ein Prosecco für Sie und Ihre Freundinnen?“, fragte meine persönliche Beraterin. Das Ganze war irgendwie surreal. Ich war reichlich nervös. Hinter meinem schweren Samtvorhang hörte ich wie eine Frau juchzte und rief: „Ach Mami, das ist so wunderbar, dass du mir die neue Perücke spendierst. Dann muss ich nicht immer zum Friseur, und du weißt ja, wie ich das hasse!“ What? Spinnt die? Es gibt doch keinen besseren Kurzurlaub, als zum Friseur zu gehen. Und wie macht die das, wenn beim Sex die Perücke verrutscht und ihre „echte Frisur“ zum Vorschein kommt. Bizarr. Diese Zweithaarwelt war mir unbehaglich.

Das hat nicht jeder

„Ich habe Ihnen hier mal ein Modell mitgebracht, Nella. Schauen wir doch mal, wie das bei Ihnen so aussieht.“ Dabei drehte Sie eine Perücke wie einen Wischmopp über Ihrer Hand und präsentierte mir ein gestuftes Langhaarmodell in meiner „Naturfarbe“. Denn natürlich färbte ich schon lange. Wie meine wirkliche Naturfarbe aussah, keine Ahnung. Also los, Haare zusammenknödeln, Kopf runter und wie ´ne Mütze aufziehen, bekam ich die Regieanweisung. Die Lady turnte vor mir rum, kämmte mein ungewohntes Haarkleid mit einer komischen Stecknadelbürste und zuppelte und zog die Perücke in die richtige Position. Schließlich war sie zufrieden und gab mit diesem „Das-hat-nicht-jeder Blick“ den visuellen Weg frei.

Vorhang auf

Der entscheidende Moment: Ich schaute in den Spiegel und – musste erleichtert lachen. Okay, nicht schlecht. Vor meiner Garderobe riefen Mama und Katharina: „Wir wollen das auch sehen!“ Stuhl gedreht und Vorhang auf – und beide fingen wie auf Knopfdruck an zu weinen. Ich dachte, oh Gott, so blöd isses doch gar nicht. Dann sagte meine Freundin schniefend: „Du siehst so toll aus, die nimmst du.“ Ich war etwas verwirrt. Das ging ja schnell. Lieber noch ein anderes Modell. „Mal in eine ganz andere Richtung?“ flötete fragend die Haar-Lady.

Alles kann, nichts muss

Und das war der Startschuss. Nie war ein Typwechsel einfacher, schneller. Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr raus. Roter Bob: yeah, cool. Die Frau kenn ich nicht. Irre! Next: Schwarzer „frecher“ Kurzhaarschnitt: voll spießig – geht gar nicht, prust. Das ist ja mehr so ein Oma-Schnitt, da fehlt mir so ein bisschen das Jetzt, das Frische – würde Guido sagen. Weg damit! Okay, versuch es mal damit. Ein weißblonder Pagenkopf saß auf meinem Kopf – das bin ich nicht, kicher. Der Schnitt macht echt nichts für mein Gesicht. Brüll!

Neue Möglichkeiten

Oder mal ganz anders: links kurz und rechts lang. The 80ies are back, oder Boy George für Arme. Schrecklich. Neeee. Und schließlich die braune Tigermähne: „Du siehst aus wie ein verruchter, männermordender Vamp!“ Meine Mutter war sichtlich beeindruckt. „Diese Seite kenne ich gar nicht an dir“, murmelte sie erschrocken. „Für ´nen lukrativen Zweitjob vielleicht“, brach es aus mir raus. Meine Freundin legte noch mal nach: „Du, da tun sich ja ganz neue, lukrative Möglichkeiten auf“ und klatschte juchzend in die Hände.

Fröhliches Finale

Uns liefen die Lachtränen nur so runter. Die Dame aus der Nachbarkabine war inzwischen ebenfalls dazugestoßen und kommentierte munter mit. Ich vermute mal so viel Lebensfreude und Spaß wie an dem Dezemberabend hatte der Laden schon länger nicht erlebt – vor allem vor diesem Hintergrund. Es fehlte eigentlich nur noch die Polonaise.

Sicher ist es keine Überraschung für euch: Am Ende wurde es das erste Modell. Und eins ist auch sicher: Den Tag werde ich nie vergessen. Er hat mir den Einstieg in die neue Welt leichter gemacht. Ladies, es war schön mit euch. Merci.

Ach ja, auch das solltet Ihr wissen: Mein Mann fand mich mit Glatze übrigens wunderschön und sexy. Und ich glaub´s ihm auch! Als „die Pracht“ wiederkam – ja, sie kam wieder – fand er es fast ein bisschen schade.

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