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„Es ist wichtig, Ärzten sehend zu vertrauen, nicht blind zu vertrauen.“

Inhaltsverzeichnis auf einen Blick

#Folge 2/ Teil 1  – Podcast Nellas Neuaufnahme. Hier geht es zur Audio-Version. Klicken und reinhören. 

Und hier der zweite Teil des Interviews, für alle, die lieber lesen als hören: „Subjektive Krankheitskonzepte“ mindern die Lebensqualität von Patienten

Steckbrief von Frau Dr. rer. medic. Martina Preisler

  • Psychologin, Psychoonkologin und Coach
  • Sie war insgesamt 17 Jahre bis zum Ende des Jahres 2018 an der Charité – Campus Benjamin Franklin (Steglitz) tätig.
  • Heute arbeitet sie an internationalen Forschungsprojekten und lebt die meiste Zeit des Jahres in Südamerika.

Der Arzt und das Gesundheitssystem sind nur ein Teil auf dem Weg zur Genesung, der andere Teil bist du

Wenn das alte Leben nicht mehr passt, kann es sein, dass man sich auf den Weg machen muss. Bei Martina Preisler war das so. Angekommen ist sie dabei vor zwei Jahren in Südamerika, wo sie die meiste Zeit des Jahres lebt. Von hier aus arbeitet sie an Forschungsprojekten und kommt dafür auch immer wieder nach Deutschland und Europa.

Da ich mich schon häufig gefragt habe, wie es genau dazu gekommen ist, warum sie sich eine zweite Heimat in Guatemala aufgebaut hat (Martina und ich kennen uns schon länger und pflegen das Du), beginne ich mein Interview auch mit der Frage nach den Gründen für diesen Schritt.

Vorausgeschickt an alle Leserinnen und Leser:
Auch hier werde ich es journalistisch halten und die Antworten auf meine Art zusammenfassen. Und: alle männlich verwendeten Bezeichnungen insbesondere die Berufsbezeichnungen, sind bitte immer auch gegendert zu verstehen.

Warum Guatemala? War dir Berlin zu kühl?

Die Antwort ist natürlich keine kurze, logisch. So eine Entscheidung wächst eben und ist auch nicht immer geplant. Viel gereist ist sie schon immer und war früh (vor ca. 30 Jahren) über eine dieser typischen Urlaubsdiavorträge – die ja eigentlich meist eher semispannend sind – eines Freundes zum ersten Mal mit der Landschaft in Berührung gekommen und gleich fasziniert von dessen Schönheit, dem saftigen Grün der Wälder, der Zeichnung der Berge, dem Glitzern des Meeres und den knalligen Farben der Frauenkleider.

Als sie schließlich über den klitzekleinen Umweg Indien und der Teilnahme eines Yoga-Workshops einen „Yogi“ kennenlernte, der – der Zufall wollte es so – drei Jahre später eine eigene Yogaschule in Guatemala am Lake Atitlan aufmachte, musste sie sofort los und ihn besuchen. Anfang 2018 saß sie also zusammen mit einer Freundin im Flieger, um ihn und die Landschaft, nach der sie sich immer schon so gesehnt hatte, zu besuchen. Ach ja, und um Yoga zu machen.

Ein Buch gab ihr den letzten Kick

Tja und dann ging es eigentlich sehr schnell. Die Idee, ebenda ein kleines Häuschen, auf dem Gelände des Yoga-Ressorts zu errichten, war geboren und wurde noch im selben Jahr in die Tat umgesetzt.

Denn parallel dazu – Duplizität der Ereignisse – hatte sie in Berlin das Buch von Stephen Levine „Noch ein Jahr zu leben“ (*Buchtipp für euch unter diesem Beitrag) gelesen, dessen Lektüre wie ein Katalysator wirkte. Die Vorstellung, in einem Jahr noch immer in der Hauptstadt Berlin zu sein, was sie im kurzen Selbstgespräch mit einem klaren „Nein“ beantworten konnte, beschleunigte die Realisierung ihrer Pläne. All dies geschah innerhalb eines Jahres.

Eine philosophische Frage

Mir ging sofort mein eigener Film durch den Kopf. Wo wäre ich, hätte ich Raum, Zeit, Gelegenheit und Mut dazu? Eine wirklich sehr tiefgehende Frage, die sich sicher jeder – so behaupte ich mal dreist – schon einmal in der einen oder anderen Phase seines Lebens gestellt hat. Gerne hätten wir beide noch länger darüber philosophiert, doch dann hätte ich all meine Karten, all meine schönen Vorbereitungen für dieses Interview in den Wind schießen können, was ich dann doch nicht wollte.

Hier nun weiter im „Interviewtext“ und rein in die nächste Frage:

Wie wichtig ist es, psychoonkologische Begleitung nach einer Krebsdiagnose zu bekommen?

Nach über 17 Jahren hat sie einen sehr guten Einblick ins Gesundheitssystem, in dem oft „nur“ die Diagnose inklusive der dann anstehenden Therapie im Mittelpunkt steht. Dabei ist es ebenso wichtig, die Menschen, die erkrankt sind, ganzheitlich zu betrachten. Das ist für Ärzte wie für das Pflegepersonal oft schon wegen der meist fehlenden Zeit schwierig.

Der Patient als Mensch in seinen verschiedenen Rollen wird dabei oft nicht richtig berücksichtigt. Es ist eben nicht nur der Tumor, den man behandelt, sondern ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, seinen Wünschen, seinen Ideen, seinen Stärken und seinen Schwächen. Das zu sehen und einzubeziehen, erfordert einen anderen Blick von jemandem, der dem Erkrankten zur Seite steht. Da können Psychoonkologen viel begleiten, auffangen und unterstützen – übrigens auch für die Ärztinnen und Ärzte wie auch die Schwestern und Pfleger auf der Station.


Ab wann sollten Angehörige ebenfalls psychoonkologische Hilfe in Anspruch nehmen?

Von der Grundidee der psychoonkologischen Begleitung ist es sogar vorgesehen, dass die Angehörigen oder unterstützenden Partner und nahestehende Freunde von Anfang an ebenfalls Unterstützung erfahren. Es ist ja eben nicht nur der Patient, der betroffen ist, sondern auch sein komplettes (privates) Umfeld. Diese Situation ist nicht isoliert zu sehen. Man kann präventiv schon sehr viel machen.

Neuland für alle

Denn wenn man Dinge besser einordnen kann, Ideen bekommt, Selbstsicherheit in der Bewertung bestimmter Verhaltensweisen erlernt, sich auch abgeholt und aufgefangen fühlt, ist es schon etwas leichter. Oft fragen die „Angehörigen“ auch danach, was sie konkret tun können. Wie sie helfen und unterstützen können.

Für die meisten ist dieses Thema (natürlich) Neuland, selbst wenn sie schon einmal Berührung mit Krebspatienten hatten, ist es immer wieder anders, weil auch die Situationen und die Beziehungen andere sind. Als Kind war es vielleicht die Oma, die betroffen war, jetzt ist es die Freundin, die genauso alt ist wie man selbst.

Wie schaffst du es, Sprachlosigkeit zwischen Partnern aufzubrechen, auch ohne Psychoonkologin? Hast du einen guten Rat?

Die Sprachlosigkeit ist oft nicht die Sprachlosigkeit insgesamt, sie bezieht sich meist auf die Erkrankung. Manchmal ist es sogar die konkrete Angst, dass der andere sterben könnte. In dieser Ausgangslage ist ein moderiertes Gespräch durch Psychoonkologen eventuell hilfreich. Erst im Einzelgespräch und dann zusammen.

Nicht allein sein mit den Ängsten

Dabei ist es ist wichtig, auf beide zuzugehen, damit sie mit ihren Ängsten nicht allein bleiben. Oft ist es so, dass die Angehörigen den Erkrankten schützen wollen und sich dann zurückhalten, versuchen, es mit sich selbst auszumachen. Gleiches gilt auch für den Patienten, die Patientin selbst. Sie versuchen oft ihre Unterstützer nicht mit den eigenen Gedanken zu belasten, mit dem Gedanken, dass „es“ schief gehen könnte.

„Es ist immer besser, zusammen mit seinen Ängsten zu sein als allein.“ resümiert Martina Preisler. Außerdem ist es gut, klar zu machen, dass darüber zu sprechen nicht bedeutet, dass sich die Befürchtungen dann auch bewahrheiten. Das Verständnis und die Einsicht können leisten, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Wie erreichen Angehörige, Partner, Freunde, Lieblingsmenschen Erkrankte, die sich zurückziehen, an die sie nicht mehr herankommen?

Das ist leider nicht selten, dass das vorkommt. Nicht alle wollen reden. Dann ist es zunächst empfehlenswert, das erst einmal zu akzeptieren. Es gibt so unterschiedliche Krankheitsverarbeitungsstrategien, die unterbewusst ablaufen. Dann ist es gut, trotzdem einfach da zu sein und Unterstützung anzubieten. Manchmal ist es hilfreich, gezielt nachzufragen: „Ist es dir angenehm, wenn ich einfach nur hier sitze und etwas lese?“ Einige Patienten denken sogar, dass sie ihre Besucher im Krankenhaus entertainen müssen und sind damit überfordert.

Von diesem Erwartungsdenken könnte man sie befreien und ihnen beispielsweise sagen: „Ich möchte einfach nur in deiner Nähe sein. Schlafe, wenn du willst, ich bin hier.“ (Das war gerade beim Schreiben mein spontaner Einfall hierzu, liebe, aufmerksame Zellenkarussell-Freunde. Diese Idee kommt im Interview nicht vor)

Krebs „funktioniert“ wie ein Verstärker

In den meisten Fällen ist es so, dass Verhaltensweisen, die vor der Erkrankung vorhanden waren, sich verstärken. (Nachtrag meinerseits: Krebs „funktioniert“ wie ein Verstärker. Das gilt übrigens für alle traumaähnlichen Erfahrungen – und damit auch für Angehörige. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass wir uns in unseren gewohnten Verhaltensmustern wohl und sicher fühlen – weil wir sie gut kennen – und diese dann automatisch intensivieren. So hatte es mir einmal eine Kollegin von Frau Preisler erklärt.)
Das bedeutet, dass jemand, der vorher nicht über seine Gefühle geredet hat, dies jetzt erst recht nicht tun wird. Um herauszufinden was der andere möchte, womit er sich wohl fühlt, hilft nur, danach zu fragen. So simpel und doch so effektvoll. Jeder braucht eben etwas anderes.

Und wenn derjenige dann keine Idee parat hat, wäre eine Idee, in die Initiative zu gehen und selbst etwas vorzuschlagen: „Du, ich hatte mir dies und das überlegt, wäre dir das angenehm? Oder soll ich dir mal einen schönen Saft, deine Lieblingsdecke oder ähnliches mitbringen?“ Einfach ein paar Angebote machen, aus denen der Erkrankte wählen kann. Denn manchmal weiß er selbst nicht, was er gerade will oder braucht, er ist meist auch schlichtweg überfordert. Da können liebevolle Vorschläge sehr entspannend wirken.


Was ist die Aufgabe von Psychoonkologen im Klinikbetrieb? Da ist doch noch mehr als Gesprächs- oder Verhaltenstherapie, richtig?

Das Aufgabengebiet ist einerseits abhängig vom System, in dem sich die Psychologen bewegen, in dem sie einlösen müssen, was von ihnen verlangt wird, und andererseits von der jeweiligen Haltung des Therapeuten, wie er seinen Job versteht. Gerade letzteres ist natürlich sehr unterschiedlich. Daher fällt die nun folgende Beschreibung sehr subjektiv aus.

Vermitteln bei Konflikten, der Anwalt der Patienten sein

Für sie – Martina – war es immer wichtig, für den Patienten da zu sein. Ihn zu „empowern“. Ihm und seinen Angehörigen Begleitung zu sein, Unterstützung zu geben. Aber auch sowohl bei Konflikten zwischen Patienten und Ärzten als auch bei Konflikten zwischen Patienten und Pflegepersonal zu vermitteln.

Für sie war es auch wichtig, als Anwältin der Patienten in Teambesprechungen auf der Station einzustehen. Denn oft zeigen sich die Patienten in den Visiten als stark, stärker als sie eigentlich sind. Unzählige Male ist sie genau deshalb auch nach der Chefarztvisite noch einmal in das Zimmer zurück gegangen, weil sie wusste, da spielt sich gerade eine Katastrophe ab unter anderem, weil die Patienten sich nicht getraut hatten, vor der „großen Mannschaft“ ihre Fragen zu stellen.

Spagat zwischen Schutz der Privatsphäre und der Bewertung von Gesprächen

In den wöchentlichen Teambesprechungen auf der Station ist dann der Raum für Psychoonkologen, ihre eigenen Bewertungen aus Gesprächen und Beobachtungen einzubringen und zu versuchen, die tatsächliche Verfassung des Patienten darzustellen. Dabei ist sie – die Psychoonkologin an und für sich – natürlich immer an die Schweigepflicht gebunden, um die Privatsphäre der Patienten zu schützen, was wiederum die Schwierigkeit verdeutlicht, Details zu benennen, die für die weitere Behandlung durch das Ärzteteam sehr wichtig sein können. Denn natürlich sollte jeder Patient die bestmögliche Therapie erhalten. Das steht immer über allem.

Wie und vielleicht auch wo finde ich „draußen“ eine gute niedergelassene Psychoonkologin oder einen ebensolchen Kollegen?

Bei der Suche nach einem niedergelassenen Psychotherapeuten sollte man darauf achten, dass dieser auch eine psychoonkologische Zusatzausbildung hat und damit keine Angst vor onkologischen Themen. Es ist aber generell schwierig, einen guten Psychotherapeuten zu finden. Sie empfiehlt daher immer mindestens zwei Erstgespräche zu vereinbaren, um herauszufinden, ob die „Chemie“ auch stimmt.

In Berlin gab es von der Projektgruppe psychosoziale Onkologie am Tumorzentrum der Charité dazu eine Liste von Psychotherapeuten mit psychoonkologischer Erfahrung, die keine lange Wartezeiten hatten. Denn als Krebspatient braucht man schnellstmöglich Unterstützung und nicht einen Termin in drei bis vier Monaten.

Das beste „Wirkmittel“ ist die Beziehung zwischen Psychologe und Patient

Das beste „Wirkmittel“ für eine gute psychoonkologische Begleitung ist die Beziehung, die Sympathie, die man füreinander hat. Diese Person zu finden, ist oft sehr aufwändig. „Aber wenn wir ein neues Auto kaufen oder einen neuen Fernseher, vergleichen wir auch X Modelle miteinander. Warum sollte ich das bei meiner Psyche nicht tun? Die ist doch besonders schützenswert.“ Meint sie zu recht.

Im Internet, bei der Kassenärztlichen Vereinigung, gibt es Listen, wo man nach Postleitzahlen suchen kann oder man ruft bei den Krankenkassen an und fragt, wo ihre Therapeuten zu finden sind. Außerdem kann man bei Krebsberatungsstellen anrufen, die es in jedem Bundesland gibt und dort nachfragen.

Mindestens zwei Erstgespräche vereinbaren


„Und dann mindestens bei zweien anrufen und sagen ich bin Krebspatient (!) und möchte bitte schon mal ein Erstgespräch vereinbaren, auch wenn die Warteliste lang ist, um dann zu entscheiden, ob ich überhaupt auf die Warteliste gesetzt werden will.“ Das geht übrigens ganz problemlos: einfach zum Termin die Krankenkassenkarte vorlegen. Eine Überweisung ist dafür nicht nötig.

Eine andere Variante, um schneller zu einem Termin zu kommen, ist selbst zu bezahlen. Da gibt es so gut wie keine Wartezeiten. Aber auch hier gilt die Empfehlung eines ersten Kennenlernens mittels zweier Erstgespräche, um dann die Entscheidung zu fällen.

„Wo fühle ich mich gut aufgehoben?“

Bei der Entscheidung kommt es darauf an, sich selbst genau zu hinterfragen: „Wo habe ich mich gut aufgehoben gefühlt? Wo kann ich vertrauen? Wo kann ich so sein, wie ich bin mit allem was ich so denke?“ Und sollte es bei den zwei „Auserwählten“ nicht passen, auch noch einen dritten Anlauf wagen.

Wie teuer ist es, wenn ich nicht über die Kasse abrechnen, sondern selbst zahlen möchte?

Die Kosten sind von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Sie bewegen sich ungefähr zwischen 60 € und 120 € für eine Stunde.

Suchen sich auch Ärzte Rat bei euch?

Das kommt immer wieder mal vor. Gerade in Situationen, in denen sie das Gefühl haben, sie kommen nicht mehr weiter, oder sie fühlen sich überfordert. „Dann kommen so Fragen wie: Was mache ich denn jetzt da? Wie gehe ich damit um?“

Wie kannst du die Patienten in der Arzt-Patienten-Beziehung unterstützen, wenn es in der Kommunikation hakt?

Zunächst einmal all die Fragen, die sie hinterher – also nach dem Arztgespräch – an mich richten, gleich direkt mit dem Arzt zu besprechen. Denn eigentlich kennt ja nur der Arzt die genauen Aspekte von Diagnose und Therapie. Natürlich können die Psychoonkologen einiges versuchen zu erklären.

Das setzt aber voraus, dass sie wissen, was der Arzt vorher schon gesagt hat. Was sie auf jeden Fall nicht dürfen, ist dem Arzt etwas vorwegzunehmen. Insgesamt erfordert das eine gute Absprache mit den Ärztinnen und Ärzten. Die Aufklärung ist und bleibt Aufgabe des Arztes, aber die Aufklärung zu verarbeiten und zu verstehen, fällt dann schon in ihr Ressort.

Fragen und Antworten sind ein wichtiger Teil des Vertrauens in die Behandlung

Patienten sollten sich auch vorher Notizen machen und ihre Fragen in aller Ruhe vorbringen, sich nicht gedrängt fühlen. Denn die Fragen entstehen meistens, wenn der Arzt das Zimmer verlassen hat und dann ist keine Gelegenheit mehr dafür da, sie los zu werden.

Die Fragen und Antworten sind ein wichtiger Teil des Vertrauens in die Behandlung. Wenn man Dinge nachvollziehen kann, kann man auch besser hinter den Therapieentscheidungen stehen und das wiederum gestaltet die Behandlung effektiver.

In Krisensituation ist es umso wichtiger, jemanden zu haben, dem man vertrauen kann

Und wenn es mit einer Ärztin, einem Arzt, so gar nicht klappt, kann man zusammen überlegen, mit wem es denn besser geht. Da ist auch niemand böse, denn niemand kommt mit jedem zurecht. Das gilt für Psychoonkologen ja ebenso und ist auch völlig legitim.

Man muss diese Entscheidung auch nicht selbst überbringen, man kann diese durchaus durch jemanden anderen ausrichten lassen. Sie meint: „Es menschelt halt. Gerade bei Krebspatienten, für die der Anfang der Erkrankung eine wahnsinnige Krisensituation darstellt, ist es umso wichtiger, da jemanden zu haben, dem sie vertrauen können, mit dem sie sich gut fühlen.“


Woran hakt es aus deiner Sicht am meisten, wenn du dir die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten anschaust? Was sind die Knackpunkte?

Viele Patienten sagen zu oft „ja, ja“, obwohl überhaupt nicht verstanden wird, was gerade gemacht wird, worum es überhaupt geht. Dann die Einstellung mancher: „So, ich bin jetzt hier im Krankenhaus und der Arzt wird schon wissen, was er tut.“ Es gibt Patienten, die geben sehr schnell die Verantwortung ab. Das ist schwierig.

„Es ist zwar wichtig zu vertrauen, sehend zu vertrauen, aber nicht blind zu vertrauen.“

Patienten sollten Verantwortung für sich übernehmen, für sich einstehen und für sich sorgen. Jeder will natürlich das Beste für seinen Patienten, das gilt für Ärzte und das Pflegeteam gleichermaßen. Dennoch kommt keiner der Betroffenen um das Thema Eigenverantwortung drum herum und sollte immer wieder nachfragen, bis man der Meinung ist, alles verstanden zu haben.


Dazu ist es empfehlenswert, ein gutes Team um sich herum aufzubauen, auf das man zurückgreifen kann. Ein Patient sollte es sich immer auch erlauben, im Zweifel eine Zweitmeinung einzuholen.
Zusammenfassend bedeutet es: Das Rollenverständnis eines Patienten sollte ein aktives, kein passives sein.

„Die Kompetenz der Gesprächsführung steigt nicht mit dem Alter des Arztes“

Erst seit ungefähr zehn Jahren lernen die Ärzte im Studium, mit sogenannten Simulationspatienten (Schauspielern) auch Empathie, Kommunikation und Teamarbeit. Dazu gehören auch essentielle Dinge wie das Überbringen von Diagnosen und das Arztgespräch an sich. Die anderen, „älteren Semester“, haben diese Aspekte nicht gelernt.

Daher ist die Annahme auch nicht unbedingt richtig, dass ein erfahrener, schon länger praktizierender Arzt kompetenter in der Gesprächsführung ist als ein jüngerer. Oder wie Martina sehr treffend formuliert: „Die Kompetenz der Gesprächsführung steigt nicht mit dem Alter des Arztes (lacht). Das ist nicht wahr.“

Placeboeffekte von Arztanweisungen

Denn eines darf man nicht unterschätzen, so meint sie, und das sind die Placeboeffekte von Arztanweisungen oder -empfehlungen in Patientengesprächen, die immer wieder erforscht werden. Dort zeigt sich öfter, dass da noch Nachholbedarf besteht.

Eine gute Gesprächsführung kann viel Gutes bewirken. (Nachtrag: in einer Studie zu diesem Thema wurde festgestellt, dass Tabletten, die von einer Schwester nur auf den Nachttisch des Patienten gelegt wurden nicht die gleiche Wirkung entfalteten, wie die, die vom Chefarzt inklusive Einnahmeempfehlung übergeben wurden.)

Inzwischen gibt es dazu auch zahlreiche Weiterbildungen, um die Kommunikationsverhalten steigern zu können für Ärztinnen und Ärzte. Denn natürlich ist es auch für sie unbefriedigend zu merken, dass die Kommunikation ins Stocken gerät.

„Sich mehr als Team zu begreifen, gehört hier sicher auch her“, meinte ich dann ergänzend.

Was ist, wenn Ärzte nicht zuhören?

Es gibt immer den einen Arzt, der dann doch zuhört. Auch wenn man in der Visite seine Fragen nicht unterbringen konnte oder gemerkt hat, dass keine befriedigende Antwort für sich selbst dabei war – weil man eben den Eindruck gewonnen hat, die Frage wurde nicht richtig angenommen oder verstanden–, kann man hinterher immer noch ins Arztzimmer gehen und mit dem Arzt oder der Ärztin sprechen, zu dem/der man den richtigen Zugang und das Vertrauen hat. Einfach fragen: Hätten sie eventuell mal 20 Minuten für mich Zeit? Ich habe da etwas nicht verstanden oder fühle mich mit einer Aussage nicht wohl.“

Ein gutes Zeitfenster dafür ist nachmittags. Da ist alles meist etwas entspannter im Klinikalltag, auf der Station.

Welche Rolle schreiben Patienten Ärzten zu? Und was ist nicht gut daran?

Jeder Patient hat eine gewisse Vorstellung, wie ein Arzt sein sollte, vergleichbar mit einer Beziehung. Auch da merkt man ja bisweilen, dass die Erwartungen nicht immer alle erfüllt werden. Meist sind die Patienten der Ansicht, dass der Arzt weiß, was gut und was schlecht für ihn ist. Dass er alle Maßnahmen bedenkt, die ihm helfen könnten wie zum Beispiel: psychoonkologische Begleitung, eine Ernährungsberatung oder Reha-Sport. Und andersherum, wenn er diese nicht erwähnt oder verordnet, sie wahrscheinlich auch nicht so wichtig sein können.

Der Arzt ist nicht für das „ganze Heil“ zuständig

Sie (natürlich nicht alle, es gibt auch Patienten, die durchaus differenzieren (!)) sehen ihn nicht nur in medizinischer Verantwortung, sondern denken, er (oder sie) wäre für sein ganzes Heil zuständig. Aber da sind wir wieder bei dem Stichwort Selbstverantwortung.

Meist sind die Erwartungen insgesamt sehr hohe. Er/sie muss empathisch und zugleich kompetent sein, für jeden Patienten Zeit haben. Leider scheitern diese Vorstellungen oft an der Realität.

Welche Rolle schreiben Ärzte Patienten zu? Wie sollen sie sein, sich verhalten?

Auch wenn es den Arzt oder die Ärztin nicht gibt, können viele Ärzte mit aktiven, motivierten Patienten besser zusammenarbeiten. Natürlich werden die anderen, die inaktiven, unmotivierten dabei nicht übersehen, es ist nur eben mühevoller.

Hier und da wird es sicher zutreffen, dass die Behandler es besonders schätzen, wenn die Empfehlungen angenommen werden und sie mit Patienten besser klar kommen, die leicht zu führen sind. Also mit jenen, die nicht so viele Fragen stellen. Eine feste Patientenrolle, die jeder Arzt im Hinterkopf hat, gibt es aber nicht.

Was hältst du vom „Selbstbestimmten Patienten“?

Sie lacht sofort und sagt: „Als Psychoonkologin ist das ja eine meiner Hauptaufgaben! Den Patienten zu „empowern“ für sich einzutreten und seine Genesung oder Heilung in die Hand zu nehmen.“

Die Klinik ist nur ein Teil des Weges, den man für sich gestalten kann, um zu genesen, wieder „heil“ zu werden. Der andere Teil ist der Patient selbst. Der Betroffene, der sich auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft, den Doctores und dem ganzen Kliniksystem, dem Behandlungssystem befindet, ist ein absoluter Wunschkandidat für Martina Preisler.


Was machen Patienten, die sich nicht trauen, die introvertiert sind, zu schüchtern, um für sich einzustehen?

Es ist grundsätzlich nicht einfach im Leben, für sich einzustehen, seine Dinge voranzubringen, da macht die Krebserkrankung keine Ausnahme. Eine Veränderung in der Haltung ist meist nicht mit einem Satz oder einer Intervention zu schaffen. Einen introvertierten Menschen kann man nicht plötzlich in einen extrovertierten umwandeln.

Innere und äußere Ressourcen mobilisieren

Man muss sehr genau hinsehen, in welcher Situation sich sein Gegenüber gerade befindet und dort ansetzen. Genau zu schauen, welchen nächsten Schritt man gemeinsam gehen kann, welche Ressourcen überhaupt vorhanden sind, um die für ihn beste Behandlung zu ermöglichen.

Mit den Ressourcen sind auch die äußeren gemeint, also Menschen, die unterstützen, die dann eventuell das Wort übernehmen. Herauszufinden, welchen „Mitmenschen“ kann ich aktivieren, um für den Erkrankten einzustehen.

Der Psychoonkologe kann dem Patienten im Arztgespräch beistehen

Diesen Part, also den der Wortführung, können auch Psychoonkologen übernehmen, die dann die vorher besprochenen Fragen für den Patienten – in seiner Anwesenheit natürlich – stellen und auch für ihn dranbleiben, bis sie es selbst verstanden haben und übermitteln können. So hat es Martina zumindest gemacht.

+++ Fortsetzung folgt! +++ Fortsetzung folgt! +++ Fortsetzung folgt! +++

Im 2. Teil geht es dann um die sogenannten „Subjektiven Krankheitskonzepte“. Dass haben wir im ersten Teil nicht mehr geschafft. Und natürlich gehe ich auch der Frage auf den Grund, wie man gute Ärzte findet. Worauf legt Martina Preisler ganz persönlich Wert? „Subjektive Krankheitskonzepte“ mindern die Lebensqualität von Patienten

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