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Back to work – aber wie?

(Fortsetzung des Blogbeitrages: „Ich kündige!“)

„Herzlich Willkommen zu unserem Workshop ‚Zurück ins Arbeitsleben nach Krebs‘, schön dass ihr gekommen seid“, so werden wir begrüßt. Eine Mischung aus Unsicherheit und freudiger Erwartung beherrscht die Szene. Man schaut sich an, mustert sich und fragt sich – ob man es will oder nicht – welches Schicksal „die anderen“ wohl hierhin geführt hat. Alle Teilnehmenden sind voller Taten­drang und gespannt auf die nächsten zwei Tage. Das eint uns.

Auch hier wieder das gewohnte Bild des Teilnehmerfeldes: zehn Frauen und ein Mann. Jede Altersstufe ist vertreten. Von Anfang/Mitte zwanzig bis Anfang/Mitte sechzig, alles dabei. Die Branchen gut gemischt: Angestellte im öffent­lichen Dienst (Verwaltung, Krankenschwestern, Projektleiter), Journalistin, Rechtsanwältin, Schauspieler, Physiotherapeutin, Ärztin und Eventmanagerin, nur das Handwerk ist nicht vertreten. Warum das so ist? Keine Ahnung. Aber gut, ich befinde mich in Berlin. Mittendrin. Prozentual gesehen, ist hier das Handwerk eh in der Minderheit.

Nach der ersten Vorstellungsrunde wird schnell klar, dass jeder seine eigene Geschichte mitgebracht hat, und die Ausgangssituationen so verschieden sind, dass sie mich teilweise demütig machen. Ich war wirklich beeindruckt von der Lebensleistung jedes Einzelnen. Der Kampfgeist aller entfaltet eine Gruppendynamik, die mich beflügelt.

Respekt

Manche der Teilnehmenden waren schon weiter im Prozess der Wiedereingliederung, andere standen komplett am Anfang. Einige hatten kurz vor der Diagnose den Job gekündigt, oder mussten ihren Master – also das Studium ­ abbrechen beziehungsweise unterbrechen und standen vor dem Nichts. Andere waren selbständige Unternehmerinnen und mussten ihre Position und den Respekt im eigenen Unternehmen zurückerobern. Völlig paradox. Die Freiberufler hatten Schwierigkeiten, ihre Kräfte zu kanalisieren, wohl dosiert einzusetzen. Dann gab es aber auch die, die schon mit ihren Vorgesetzten gesprochen hatten und reichlich Unterstützung erfuhren. Hurra! Die meisten hatten stark mit der neuen Situation zu kämpfen, trotz Unterstützung, denn alle waren echte Powerfrauen (Powermänner gibt es komischerweise gar nicht, fällt mir auf) gewesen und mussten sich neu eintakten, mehr Dinge abgeben, ein echtes „Reset“ machen. Die eigenen Erwartungen an sich selbst waren hoch, der Druck von außen ebenfalls. Ein „Weiter so“ kam für niemanden in Frage.

Geh es an und bring dich ein

Ehrlich gesagt, hat mich dann aber der eigentliche Workshop, das Inhaltliche, reichlich runtergezogen. Denn da hieß es gleich beim Einstieg in die Thematik, dass es häufig vorkommt, dass Betroffene ihren alten Job nicht wiederbekommen, sich das Arbeitsumfeld erheblich verändert, die Wochenarbeitszeit reduziert wird und damit auch eine niedrigere Entlohnung folgt. Aber als ich hörte und begriff, dass man etwas dagegen unternehmen kann, wurde mir das Herz leichter.

Daher möchte ich auch gleich meine Quintessenz aus dieser Veranstaltung voranstellen. Denn letztlich kommt es darauf an, nicht zu früh und dann vor allem positiv und selbstreflektiert in die Phase der Rückkehr einzutreten. Je besser ihr euch darauf vorbereitet, desto geringer ist die Unsicherheit und je höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr gestalten könnt. Wenn ihr allerdings an dieser Stelle eine dezidierte Anleitung erwartet, muss ich euch enttäuschen, denn die gibt es nicht. Jede Ausgangssituation ist anders (siehe oben) und sollte am Besten im Gespräch geklärt werden. Dafür gibt es gute Informationen im Netz, die ich am Ende dieses Beitrages für euch zusammen­ge­stellt habe. Meine Perspektive ist eine rein subjektive, die euch aber hoffentlich als Hilfestellung und Einstieg in dieses Thema dient.

Fang an, wieder anzufangen!

Sicher, sich einzugestehen, dass man nicht mehr die Alte ist, ist schmerzhaft. Doch, die Frage sei an dieser Stelle erlaubt, warst du vorher zufrieden mit dir, deinem Leben, deiner Arbeit? Und das ist quasi schon die gute Nachricht an dieser Gedankenkaskade: Du hast jetzt die Möglichkeit, dich zu hinterfragen, zu prüfen, was du wirklich willst. Menschen, die nicht durch einen ähnlich harten Einschnitt aufgefordert werden, ihren Weg neu auszuleuchten, in ihrem Hamsterrad gefangen sind und einfach immer weiter machen, sind oft nicht besonders glücklich. Sie schätzen nicht, was sie haben, und hangeln sich häufig nur von Tag zu Tag und „fiebern“ schlimmstenfalls der Rente entgegen. Dann soll alles besser werden, entspannter, intensiver. Sie vergessen darüber das Leben im Jetzt. Und seien wir mal ehrlich, da waren wir doch alle schon – irgendwie.

Meist wissen wir gar nicht, aus welcher Ecke die Unzufriedenheit kommt. Das herauszufinden ist auch kein einfacher Prozess und das Ergebnis dieser Sinnsuche umzusetzen, gelingt den Aller­wenig­sten. Um es vorwegzunehmen, ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass sich mit diesem Paukenschlag eine neue Tür geöffnet hat (Chance möchte ich es ungern nennen). Eine Tür in ein neues Leben, nicht nur beruflich. Wohin mich dieser Weg, diese gedankliche Reise führen wird, weiß ich noch nicht. Das ist jetzt auch noch nicht wichtig, immerhin bin ich schon mal losgegangen. Und das solltet ihr auch tun.

Gute Planung nimmt die Angst

Der erste Schritt. Das neue Projekt für die nächste Zeit heißt also: Wiedereinstieg vorbereiten! Aber womit beginnt man am besten? Ich behaupte, mit dem Blick auf dich selbst. Überlege dir, wo du vor der Erkrankung standst. Was war deine Arbeitssituation, dein Arbeitsbereich? Wie war der Arbeits­alltag strukturiert? Was war dir wichtig? Dann horchst du in dich hinein und spürst nach (hört sich jetzt etwas esoterisch an, aber es hilft), was davon du jetzt noch so umsetzen kannst und – noch viel entscheidender – was davon du über Bord werfen möchtest. Nutze die Zeit und positioniere dich neu. Du kannst dich dabei auch fragen: Was hat meine bisherigen Überzeugungen verändert und in welcher Weise? Was ist mir jetzt wichtig? Mir helfen dabei immer Tabellen. Meine sieht beispiels­weise so aus:

Erste Spalte: Das war gut. Zweite Spalte: Das war schlecht. Dritte Spalte: Das kann/möchte ich so nicht mehr. Vierte Spalte: Das will ich ändern. Fünfte Spalte: Das habe ich gelernt. Sechste Spalte: Das macht mir Freude/das ist mir wichtig. Siebte Spalte: Da will ich hin. Achte Spalte: Wer kann mich dabei unterstützen?

Das setzt enorme Energie frei und macht vor allem vieles klarer. Überlege dir, wie dein „Interview mit dir selbst“ aussieht. Was möchtest du in den Mittelpunkt deiner Überlegungen stellen?

Belastbarkeit ist nicht alles

Meine größte Hürde war, mir vorzustellen, wie ich die nächsten Gespräche mit meinem Arbeitgeber führen soll. Denn woher soll ich wissen, wie es mit meiner Belastbarkeit aussieht? Was erwartet er von mir? Schnell habe ich gemerkt, dass das eine sehr passive Herangehensweise ist, die mir nicht gerecht wird. Denn schließlich habe ich eine Menge zu geben. Ich habe einen großen Erfahrungs­vor­sprung gegenüber den meisten meiner Kollegen. Die Kraft, die ich durch meinen Kampf gewonnen habe, gibt mir den nötigen Biss. Auch wenn meine Belastbarkeit eventuell nicht mehr so hoch ist, hat sich mein Fokus geschärft, meine Effizienz und meine Freude am Arbeiten haben sich erhöht, weil ich es wieder kann, wieder darf – und das ist doch eine ganze Menge. Die Nella von früher gibt es so nicht mehr. Aber auch die anderen haben sich hoffentlich verändert, weiterentwickelt. Ich merke: Ich habe auch eine Erwartung an sie!

Die medizinische Einordnung – Der Stufenplan

Das Gespräch mit dem behandelnden Arzt ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zurück ins Berufsleben. Eine sinnvolle Maßnahme und Teil des Wiedereingliederungsplanes.

Anmerkung: Der Fachterminus, der in diesem Zusammenhang immer fällt, heißt BEMBerufseingliederungsmanagement. Dieses steht jedem Angestellten zu, egal wie groß das Unternehmen ist. Die Initiativpflicht liegt beim Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer wird schriftlich zu einem Gespräch eingeladen. Dieses Einladungsschreiben muss bestimmte Informationen enthalten und Ansprechpartner benennen. Bitte unbedingt auf diese Einladung reagieren. Wenn kein BEM angeboten wird, sucht selbst den Kontakt zum Unternehmen. Genau nachlesen könnt ihr alles Weitere in § 167 Abs. 2 SGB IX. Kommt das Ganze ins Stocken, habt ihr Anspruch auf Unterstützung vom Integrationsfachdienst (für Berlin), oder durch einen anwaltlichen Beistand.

Voraussetzung ist, dass eine Arbeitsfähigkeit von mindestens sechs Arbeitsstunden/Tag erreicht werden kann. Mit ihm – dem Arzt – zusammen wird die sogenannte stufenweise Wiederein­gliederung vorbereitet. Dies geschieht mit der Erstellung eines Stufenplanes (Antrag). Arbeitgeber und Kostenträger (Krankenkasse oder die Deutsche Rentenversicherung) müssen diesem Plan zustimmen. Faktische Einschränkungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Und natürlich sollte man Spielraum einplanen, um immer wieder nachjustieren zu können. Merke: „The proof of the pudding is in the eating“.

Bedenke: Dein Kräftezuwachs ist nicht linear        

Denn leider muss man sich von dem Glauben an einen linearen Kräftezuwachs verabschieden. Auch die Idee, alles schnell wieder aufholen zu wollen, ist kontraproduktiv. Das Streben nach Perfektion geradezu toxisch und überhaupt nicht hilfreich. Sei geduldig (ja, ich weiß, das ist ein Wort, das wir alle nicht mehr hören können, gehört aber hierhin) und gehe achtsam mit dir um. Damit meine ich: Die Stufen sollten nicht zu schnell gesteigert werden. Lieber „lang und langsam“ – so wie beim Ausdauertraining. Ein wichtiger Hinweis aus dem Workshop war auch, dass in der Phase der Eingliederung euer Arbeitsverhältnis mit allen Rechten und Pflichten ruht. Das bedeutet: Mit euch darf nicht geplant werden. Ihr macht so, wie ihr könnt. Überstunden sind nicht vorgesehen. Allerdings auch kein Urlaub.

Wichtige Tipps: Die Dauer der Wiedereingliederung sollte die Abwesenheit berücksichtigen. Die Zahl der Tage können gesteigert werden. Anpassungen sind möglich, bedürfen aber eines neuen Stufenplans (Absprache mit dem Arzt, Arbeitgeber, Kostenträger). Nach der Wiedereingliederung sollte kein längerer Urlaub genommen werden, um die Belastbarkeit nicht aufs Spiel zu setzen. Sonst müsst ihr wieder ganz von vorn beginnen.

Frühzeitige Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber

Das Auftaktgespräch steht an. Damit steht die Herausforderung im Raum: Wie positioniere ich mich? Ich habe in „meinem“ Workshop gelernt, dass es gut ist folgende Dinge anzusprechen: a) die Rahmenbedingungen. b) Welche Erwartungen stellt der Arbeitgeber/Vorgesetzte an mich? c) Welche Aufgaben soll ich erledigen? d) Wer sind meine Ansprechpartner? e) Wer arbeitet mich ein? f) Welche Sprachregelung ist vorgesehen? g) Wann finden die Stufengespräche statt? Ablaufplan. h) Wie geben wir uns gegenseitig Feedback?

Aus meiner Erfahrung kann ich schon jetzt sagen, dass es gut ist, diese Checkliste mitzunehmen und vorzubereiten. Überlege dir, wie du die angesprochenen Punkte mit Inhalt füllen möchtest. Dein ausgearbeitetes Kommunikationskonzept kannst du als Vorlage nutzen und aktiv einbringen. Das macht Eindruck. Denn die meisten Chefs oder auch Personaler machen sich nicht besonders viele Gedanken dazu. Eigeninitiative steht hier ganz oben auf der Liste. Dabei hilft es sicher, sich in die Position des Arbeitgebers hineinzuversetzen. Wie würde ich vorgehen, säße ich auf der anderen Seite des Tisches? Und noch etwas: Während des Prozesses sollte auf einen engen Austausch geachtet werden, um möglicherweise schnell gegensteuern zu können. Auf Krampf weiter zu machen, hilft niemandem.

Tipp: folgende Termine sollten schon vor Beginn der Wiedereingliederung und zwei Wochen vor Ende derselben feststehen: A/ Arzttermin – B/ BEM Gespräch – C/ Abschluss-Stufengespräch

Du schaffst es nicht allein – die Mannschaft macht´s

Wo stehst du ­ gesundheitlich? Was ist unablässig für die Ausübung deines bisherigen Berufes? Was hast du für dich herausgearbeitet, wohin soll die Reise gehen? Um das alles auf den Punkt zu bringen und zu steuern, solltet ihr euch aus ganz verschiedenen Bereichen Unterstützung suchen. Es gibt drei Felder, die du für dich nutzen kannst:

Erstens, das berufliche Umfeld: Personalabteilung, Interessenvertretungen (Betriebsrat), Integrationsteam/BEM-Team, Vorgesetzte, KollegInnen, Betriebsarzt.

Zweitens, das private Umfeld: Aufgaben delegieren, Raum und Zeit für Entspannung schaffen, Selbstfürsorge betreiben (Energiemanagement).

Drittens, das professionelle Umfeld: Behandelnde Ärzte und evtl. Psychoonkologen einbinden, Reflexionspartner suchen (evtl. Coach), Integrationsfachdienste ansprechen, Beratungsstellen ansteuern, Seminare & Workshops belegen, sich Selbsthilfegruppen anschließen.

Jetzt weißt du, wo du ansetzen kannst. Also stelle dir ein schlagkräftiges Team zusammen und achte gut auf dich. Viel Erfolg.

Die Kommunikation macht den Unterschied

Der rote Faden, der sich durch alles durchzieht, setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Der eine heißt Planung und der andere, Kommunikation. Zu letzterem gehört vor allem die ehrliche Beschreibung der Ist-Situation. Was geht und was nicht. Falscher Ehrgeiz schadet nur. Interessant fand ich auch, dass man dem Arbeitgeber durchaus Hinweise geben kann, wie der Arbeitsplatz künftig gestaltet werden sollte. Zum Beispiel ein Stehpult neben dem Schreibtisch, speziellen Bürostuhl, ein Einzelbüro für eine mögliche Stressminimierung, oder einen späteren Arbeitsbeginn. Ist doch nicht schlecht, oder?

Hintergrundinformationen für dich

Wie immer beginnt alles mit der Recherche. Was muss ich wissen? Wo kann ich mich informieren? Welche Einrichtungen gibt es? Ein wirklich umfassendes Werk ist der Patienten-Guide von Leben nach Krebs! e.V. Da steht zwar Diagnose Brustkrebs drauf, ist aber für alle Betroffenen nützlich. Wer sich für Workshops interessiert und aus Berlin kommt, sollte die Augen offenhalten. Der aktuelle ZinsA – Zurück ins Arbeitsleben nach Krebs Workshop läuft zwar gerade, eine Neuauflage ist aber für Ende des Jahres in Planung.

Weiterführende Informationen gibt es dazu noch vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Schritt für Schritt zurück in den Job.

Interessant sind auch die Interviews von German Cancer Survior zu diesem Thema. Die machen Mut.

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