Jobsache Wiedereinstieg

Ich kündige!

Berufliches Comeback oder „Wie man den Patientenjob kündigt“

„Sehr schön, wir treffen uns dann in der nächsten Woche“, sagte die Personalchefin und legte nach den gewohnten Abschiedsfloskeln auf. Ich blieb noch nachdenklich an meinem Schreibtisch sitzen und schaute gedankenversunken auf mein Mobiltelefon. Nach fast vier Jahren würden wir uns wiedersehen und besprechen, wie und wann es beruflich weitergehen sollte. Einerseits freute ich mich darauf, andererseits war ich innerlich ziemlich durcheinander und angespannt. Wie würde es sich anfühlen nach so langer Zeit wieder miteinander zu sprechen?

Nichts ist so beständig wie die Veränderung

Viel war inzwischen passiert. Nicht nur bei mir, sondern natürlich auch im Unternehmen. Wie könnte meine mögliche nächste berufliche Herausforderung aussehen? Was hatte sich die HR-Beraterin für mich ausgedacht? Würde ich dem auch gewachsen sein? Meine alte Position würde ich nicht zurückbekommen, so viel war sicher.

Viele der bisherigen Kollegen waren nicht mehr im Unternehmen, hatten die Abteilung gewechselt oder waren karrieremäßig an mir vorbeigezogen – der übliche Lauf der Dinge eben. Wenn ich wieder zurückkommen würde, würde ich ganz neu beginnen. Ein echter Neustart. Die/der Vorgesetzte, das Team und natürlich auch das Aufgabenfeld.

„Sich neu erfinden“ lautet die Devise

Eigentlich keine große Sache für mich. Schon oft hatte ich mich „neu erfunden“, viele Herausforderungen gemeistert und auch ganz unbekanntes Terrain betreten, ohne dass es mir in irgendeiner Weise Kopfzerbrechen bereitet oder gar Angst gemacht hätte.

Für mich war alles Neue spannend, meine Neugierde trieb mich immer an. Im Grunde war es ja so, als hätte ich ein Sabbatical genommen, so machte ich mir Mut. Mein Fokus hatte sich eindeutig geschärft. Auch mein Mann meinte: „Du bist noch entschlossener geworden und schiebst die Dinge noch weniger auf die lange Bank. Das hat dich vorher schon ausgezeichnet, aber nun ist dieser Charakterzug noch deutlicher zum Vorschein gekommen.“ „Ach ja, das ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber jetzt, wo du es so sagst …“ Auch meine Tochter nickte schmunzelnd und ich ahnte, was beide meinten.

 

Melde dich gleich zu meinem Newsletter „Post von Nella“ an. So entgehen dir keine neuen Beiträge mehr, keine Tipps, Gedankenanstöße und Informationen. Packliste inklusive! Ich freue mich auf dich! Übrigens: Deine E-Mail Adresse ist bei mir in guten Händen und wird selbstverständlich nicht an Dritte weitergegeben. Meine persönlicher Verhaltenskodex (Vertraulichkeit steht bei mir ganz oben) und die Datenschutzverordnung garantieren dir das.

Bange Fragen

Aber würde ich mein mir zugedachtes Pensum auch schaffen? Wie sieht es mit meiner „inneren Pausentaste“ aus? Würde ich sie finden und auch drücken, wenn mir die Dinge über den Kopf wachsen sollten? Wie werden die neuen Kollegen reagieren? Was traut man mir überhaupt zu, wie werde ich wahrgenommen? Und: Bin ich grundsätzlich mit dem Stigma Krebs belastet und meine Karriere am Ende angekommen? Was würde mich erwarten?

Mein Baby heißt „Survivor“

Eigentlich fühlen sich junge Mütter nach einer Auszeit in Elternzeit sicher auch nicht viel anders, versuchte ich meiner Denkrichtung einen anderen Twist zu geben. Okay, Elternschaft ist keine Krankheit, natürlich nicht, aber es ist eine Zäsur. Mann/Frau kommt anders an die alte Wirkungsstätte zurück als zuvor. Die Perspektiven, der Fokus haben sich ebenfalls verschoben. Mein „Baby“ trug den Namen „Survivor“. Eigentlich doch sehr positiv und kraftvoll. Ein Auftrag. Dennoch beschlich mich ein mulmiges Gefühl.

Zufallsbegegnung

Wie der Zufall es wollte, traf ich kurz vor dem Termin mit der Personalerin eine Mitpatientin im Wartebereich der onkologischen Ambulanz, mit der ich ins Gespräch kam. Wir kamen schnell auf die Thematik zu sprechen, die mich gedanklich umtrieb, ja beherrschte. Charlotte – so stellte sie sich mir vor − ist Dozentin und wird von vielen Instituten, Verbänden und Unternehmen gebucht, wenn es Kommunikationsprobleme auf der Führungsebene gibt.

„Da darf ich keine Schwäche zeigen und schon gar nicht erwähne ich meine überstandene Krebserkrankung. Das käme nicht gut an. Ich wäre sofort raus aus dem Verteiler. Eigentlich verrückt, denn ich fühle mich stärker und reifer als je zuvor“, schloss sie ihre Ausführungen zu ihrer persönlichen Einstellung und Erfahrung.

Cancer-Survivor bevorzugt! Ach was.

Dann berichtete sie mir von einem Artikel, den sie kürzlich in der Süddeutschen Zeitung über einen österreichischen Unternehmer gelesen hatte. Dieser würde das Potential der Cancer-Survivor besonders schätzen, schon deshalb, weil er wisse worüber er spräche. „Er ist selbst ein Krebsüberlebender“, sagte sie. Er stelle nur zu gerne Krebsüberlebende ein hieß es dort. Der Grund: Sie hätten einen besonderen Zugang zum Thema Zeit. Sie würden Prioritäten genauer setzen. Ihnen ginge es darum, Spaß zu haben, bewusster zu leben.

Das Potenzial der Krebsbewältigung

Außerdem wären sie äußerst motiviert. Ihr großer Antrieb sei es, dabei zu sein. Ich war begeistert. Ja, das konnte ich alles zu hundert Prozent unterschreiben. Er war auch der Ansicht, dass es von großer Stärke zeuge, diese Krankheit überwunden zu haben und/oder selbstbewusst zu managen. Ich beschloss, diese motivierende Einschätzung in den bevorstehenden Termin mitzunehmen und wie ein Mantra vor mir herzutragen. Denn natürlich war ich nach wie vor wild entschlossen, meinen „Patientenjob“ zu kündigen, für immer.

Und auf einmal läufst du gegen die Wand

Nun, ob mir das wirklich gelang, kann ich schwer beurteilen. Denn in dem Termin selbst war ich so aufgeregt, als wäre ich gerade frisch von der Uni gekommen und als ginge es um meine Einstellung, ein echtes Bewerbungsgespräch. Genau genommen war es aber auch genau das. Denn mir wurde, ohne mit der Wimper zu zucken, ziemlich unumwunden zu verstehen gegeben, dass sie nun nicht gerade auf mich gewartet hätten. Ich war etwas verstört, hatte ich doch bisher einen sehr guten Draht zu „meiner“ Personalerin gehabt. Wie man sich täuschen kann. Es war, als wäre ich mit Volldampf gegen eine Mauer gelaufen.

Sei dein eigener Anwalt

Gott sei Dank bin ich eine echte Kämpfernatur und ich ließ mir meine Enttäuschung nicht anmerken, sondern münzte sie um in ein Ideenfeuerwerk zu meinen möglichen neuen Aufgaben. Denn – und auch das merkte ich sehr schnell – darüber hatte sie sich überhaupt gar keine Gedanken gemacht. Sie hatte sich augenscheinlich überhaupt nicht vorbereitet und meine Personalakte keines Blickes gewürdigt. Die Bereiche, die ich bisher schon alle erfolgreich „beackert“ hatte, musste ich ihr noch einmal plakativ vor Augen führen.

Glücklicherweise kamen mir meine Fähigkeit zum schnellen Umschalten und meine Schlagfertigkeit zugute, diese Eigenschaften hatte ich „unterwegs“ nicht verloren. Dazu wusste ich ziemlich genau, was ich wollte und hatte mir vorher einen Plan zurechtgelegt. Das brachte mich wieder in eine eindeutig bessere Position. In einem Workshop, den ich zu diesem Thema später besuchte, wurde mir genau dieses Vorgehen empfohlen. Bereite dich vor. Überlege, was du tun möchtest und in welchem Bereich du dich siehst. Definiere dein künftiges Profil. Erstelle einen Plan. Niemand denkt für dich mit, macht sich schon gar nicht die Mühe, deine Bedürfnisse zu erahnen. Warum auch? Du musst dein eigener Anwalt sein, für dich sprechen und deine Stärken kommunizieren.

Und aufgepasst: Von diesem Workshop werde ich euch noch genauer berichten. Da habe ich viel gelernt. Dieses Wissen möchte ich natürlich gerne an euch weitergeben.

Nach dem Gespräch ist vor dem Gespräch

Wir verabschiedeten uns mit einem kräftigen Händedruck und der Verabredung dieses Gespräch in ungefähr sechs Monaten fortzusetzen. Dann wollten wir konkreter in meine Rückkehrplanung eintauchen. Kaum hatten sich unsere Wege getrennt, rief ich meine Freundin an. Nach eingehender Bespiegelung der einzelnen Gesprächssequenzen kamen wir zu dem Schluss, dass ich mich eigentlich ganz gut geschlagen hatte. Jetzt hatte ich erst mal sechs Monate Zeit und die wollte ich effektiv nutzen.

Natürlich hatte ich, typisch Nella, einen wichtigen Schritt hierfür schon „eingetütet“. Die Bestätigung für die Teilnahme an einem genau auf dieses Thema zugeschnittenen Workshop hatte ich bereits in meinem Posteingang und schon 14 Tage nach dem oben beschriebenen Meeting saß ich in einer Runde Gleichgesinnter. Fortsetzung folgt. Here we go: „Back to work – aber wie?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.