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Die Haushaltshilfen-Mafia

(aktualisierte Fassung – ältere Version war vom 17. Oktober)

Schon kurz nach meiner Stammzelltransplantation – damals noch im Uniklinikum Münster – war mir klar: Ich brauche, wenn ich wieder zu Hause bin, Verstärkung im Haushalt. Wenn nicht ich, wer dann? Mein Mann musste entlastet werden und ich konnte noch nicht für die Kids kochen geschweige denn einkaufen oder gar in der Wohnung für Ordnung sorgen. Das war alles zu sehr tagesformabhängig, an manchen Tagen ging es ganz leidlich, an anderen Tagen gar nicht. Ergo: Ich suche mir eine Haushaltshilfe, klaro. „Du hast ja einen Anspruch drauf und es geht auch ganz einfach“ sagen alle. Das klang doch schon mal gut: Drei Mal die Woche, Montag, Dienstag und Donnerstag für vier Stunden. So war der Plan, der Erleichterung für unsere Familie versprach. Das sollte doch machbar sein.

Alles andere als „superdringend“ zählt nicht

Tja, und dann ging es los: Erst mal die Formalien klären und alles in die Wege leiten. Der erste Schritt war der zur Sozialarbeiterin noch in der Klinik in Münster. Nach mehreren Anläufen und verschlossenen Türen zu eigentlich angegebenen Sprechzeiten hatte ich „Rubbel-die-Katz“ nach immerhin zehn Tagen einen ersten Slot im Büro ergattert. Wow! Gott sei Dank war die Sozialarbeiterin sehr aufgeräumt und tiefenentspannt und fragte gleich: „Wann brauchen Sie denn die Haushaltshilfe? Denn so schnell geht das nicht. Mit circa fünf Wochen Vorlauf müssen Sie schon rechnen.“ „Ja, das passt. So in drei Monaten. Das ist jetzt nicht so superdringend“, hörte ich mich antworten. Was für ein Fehler, wie sich schnell herausstellte. Denn schon bald entfaltet sich eine besondere Dynamik, die Dynamik des Abwartens.

Anmerkung: Schwerer Stockfehler! So etwas wie „das eilt nicht“ darf man nie, aber auch wirklich nie sagen! Merkt euch das. Denn damit rutscht die Akte gleich ziemlich weit nach unten, auch gedanklich. Unterstreicht immer die Dringlichkeit. Sonst setzt sich „der Apparat“ nicht in Bewegung. Traurig, aber wahr.

Nichts für Ungeduldige

„Gut“, sagte meine liebe Sozialarbeiterin, „dann formuliere ich gleich mal eine Anfrage an die Ärzte, damit die grundsätzlich „Grünes Licht“ geben können.“ Und damit begann der „Antrags-Triathlon“: Erstens ein medizinisches „Go“ bekommen, zweitens Antrag bei der Krankenkasse stellen und drittens einen Pflegedienst finden. Und eigentlich auch noch viertens dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.

Allein die erste Disziplin dauerte schon mal drei Wochen. Denn die Anfrage blieb erst mal beim Arzt hängen. Es tat sich erst einmal … nichts. Wahrscheinlich hatte die Dame auf meine Akte geschrieben: „Eilt nicht.“ Dann, nach der fünften telefonischen Nachfrage meinerseits, hatte das bewilligte Schreiben doch tatsächlich den Weg in ihr Büro zurück gefunden. Potz Blitz. Innerhalb von drei Wochen fliegen Menschen zum Mond, nicht aber Akten von einem Zimmer in ein anderes.

In fremden Händen

Nun ging es in die nächste Runde: Antrag bei der Krankenkasse! Also los, Schreiben aufsetzen und Antrag schreiben. Genaue Angabe von Tages- bzw. Stundenkontingent. Dies wurde dankenswerterweise von der Sozialarbeiterin übernommen, ist ja auch ihr Job. Normalerweise ist „so was“ natürlich kein Problem für mich, aber nach einer Stammzelltransplantation, die das Innerste nach außen kehrt (und dann wieder umgekehrt), kommen die gedanklichen Synapsen erst so ganz, ganz langsam wieder in Schwung. Also bitte: Helft mir! Auch das zog sich wieder eine gefühlte Ewigkeit hin. Nach der Bewilligung (4 Wochen später) wurde mir eine Liste mit in Frage kommenden Einrichtungen zugeschickt. Denn es kommen nur die Einrichtungen in Betracht, die mit der jeweiligen Krankenkasse zusammenarbeiten. Auch da schaltete sich die Sozialarbeiterin ein und telefonierte ab. Ob das allerdings so gut war, bezweifle ich inzwischen. Denn auch das dauerte wieder. Dafür konnte sie nichts, denn sie allein war für mehr als 40 Patienten zuständig, die auch dringend auf Feedback von der Krankenkasse warteten. Zwei Wochen gingen dafür ins Land. Ich war schon kurz davor gewesen, selbst den Hörer in die Hand zu nehmen. Wäre wahrscheinlich besser gewesen. Aber ich hatte einfach keine Kraft dafür. Zum Mitzählen: Wir sind mittlerweile bei Woche sieben.

Nebeneffekt: Das ganze Procedere wurde noch von Münster aus, wo ich die Stammzelltransplantation durchlaufen hatte, organisiert. Ich habe mich in diesen Wochen bei einer ansonsten nicht gekannten Milde gegenüber Berlin ertappt. Angeblich sind wir ja die „Hauptstadt des Nichtfunktionierens“. Ich kann nur sagen: Andere sind da auch ganz schön „fleißig“.

Die Stecknadel im Heuhaufen

Dann nach stolzen 11 ½ Wochen der erlösende Anruf: „Es war sehr mühsam, jemanden in Berlin für Sie zu finden. Fast wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Viele Anbieter, wenige Kapazitäten, fast nur Absagen“, berichtete sie. „Doch ich habe einen Pflegedienst für Sie gefunden.“ Hurra! Da war sie, die Aussicht auf eine Haushaltshilfe. Irre. Das nenne ich Punktlandung! Denn natürlich sollte es noch ein Gespräch in Berlin geben, um den Vertrag zu besiegeln. Das hörte sich alles wunderbar an. Meine Wunschtage und Zeiten waren realisierbar. Kein Ding.

Aber das Beste kam erst noch. „Wirr rregln daasss, wenn wirr sprrächn uuns in ihre Wohnung“, knarzte sonor eine mit russischem Einschlag gefärbte tiefe Frauenstimme bei meinem ersten telefonischen Kontakt durch die Leitung. Wie das konkret aussehen sollte, erfuhr ich schon sehr bald.

„Koommen glaich“

Der Tag des Gesprächs mit der Dame vom Pflegedienst war gekommen. Zum Glück hatte meine Tochter Lene Zeit und konnte mich moralisch etwas unterstützen, denn noch stand ich wegen starker Schmerzen im Unterbauch unter dem Einfluss einer hohen Dosis Morphium. Es klingelte, sie war da. Ich öffnete die Tür und hörte schon, dass es sich nicht um eine Person, wie angekündigt, sondern um zwei Frauen handelte, die sich angestrengt hektisch auf Russisch im Treppenflur unterhielten. Als ich rief „Hier oben bin ich. Erste Etage!“, bekam ich nur ein Abwimmelndes „Ja, ja, koommen glaich!“ zu hören. Mich beschlich eine komische Vorahnung. Erst im Nachhinein konnte ich dieses Getuschel deuten: Klar, da wurde die Gesprächsstrategie noch einmal abgestimmt und durchgespielt, wie die beiden ihre Ziel, den Einsatz bei mir möglichst effizient zu gestalten, am besten umsetzen könnten.

Oben angekommen, enterten die Damen couragiert unser Esszimmer und donnerten ihre Unterlagenmappe auf den Tisch. Signal: Wir sind jetzt hier die Chefs! Die Geschäftsführerin eröffnete mir sofort, dass meine gewünschten Tage nicht funktionierten. Mmmh, genau das war aber sehr wichtig für mich und das wusste sie auch. Anscheinend wusste sie aber auch, wie schwierig es war, überhaupt einen Pflegedienst zu finden, der mich in sein Programm aufnehmen konnte. Sie war augenscheinlich am längeren Hebel und ich ließ mich zähneknirschend darauf ein. Erst mal.

„Das ist Gäsätz!“

Das sollte aber erst der Aufgalopp sein für das, was danach folgte. Die Geschäftsführerin redete laut, monoton und eindringlich auf mich ein und bedrängte mich, ihr meine Medikamentenliste und den aktuellen Arztbrief auszuhändigen. Ich war verwirrt. Ich wollte doch nur eine Haushaltshilfe. Der Dragoner machte weiter und sagte: „Wirr müssen nach zwei Wochen glaich machen Verlängerung, sonst Problemme mit Kraankenversicheruung.“

Langsam wurde mir die Sache unheimlich. „Ich möchte Ihnen ungern meine Medikamentenliste und meinen Arztbrief herausgeben. Das ist sehr persönlich und doch eigentlich auch nicht die Aufgabe der Haushaltshilfe. Deswegen sitzen wir doch hier zusammen, oder? Meine Medikamente stelle ich selbst, dafür brauche ich keine Unterstützung.“ Prompt beugte sie sich zu mir rüber und riss die Augen drohend auf und sagte sehr eindringlich „Dooch, das ist Gäsätz!“ Geistesgegenwärtig schleuderte ich ihr entgegen: „Sagen sie mir, wo das steht. Ich kenne das Gesetz nicht. Dann schauen wir doch gleich mal nach.“ Stille. Ich kam mir vor wie einem Western. Es war sozusagen „high noon“.

„good cop – bad cop“

Plötzlich schaltete sich die andere Dame ein. Augenscheinlich der „good cop“. „Ich muss Ihnen machen Kompliment. Dafür, dass Sie haben bekommen so viel Morphium, sind Sie klar sehr und koonzentrriert auch“, säuselte sie beschwichtigend. Ich dachte wirklich, jetzt spinne ich, jetzt geht es aber los! Dieses Theater hier sollte ich schnellstmöglich beenden. Was ist das hier? Haushaltshilfen-Mafia oder was? Da hörte ich mich auch schon sagen „Wissen Sie, ich denke, wir können das hier abkürzen. Ich fühle mich überhaupt nicht wohl mit Ihnen. Bitte verlassen Sie meine Wohnung.“ Da wurde auf einmal auch der „bad cop“ sanft und lenkte entschuldigend ein, dass sie es nicht so gemeint habe, und es auch ohne Medikamentenliste und Arztbrief ginge. Schau an. Geht doch!

Tief durchatmen

Meine Tochter und ich wechselten schnell ein paar Blicke. Ich sah, dass Lene ob dieses übergriffigen Ansturms – und als solchen habe ich ihn empfunden – auch sehr aufgewühlt war. Ich war ratlos. Sollten die mühevollen 11 ½ Wochen der Anbahnung für diesen Termin umsonst gewesen sein? „Warten Sie hier bitte kurz, ich berate mich mit meiner Tochter in der Küche.“ Gesagt, getan. Dort angekommen schlossen wir natürlich sofort die Tür, schnauften erst mal tief durch und schauten uns ungläubig an. Das war ein böser Traum, alles Einbildung, das kann gerade gar nicht passiert sein. Surreales Theater vom Allerfeinsten. Gut, schnell schütteln und nachdenken. (a) Der Weg dahin war lang, (b) wir brauchten dringend jemanden im Haushalt und (c) die Dame, die dann kommen würde, war ja weder „bad-“ noch „good-cop“. Und (d): Es sind nur drei Monate, dann überlegen wir neu. Also (e): Wir machen das, aber nach unseren Spielregeln.

Meine Wohnung, meine Spielregeln

Als wir wieder ins Esszimmer kamen, schauten uns die beiden Damen erwartungsvoll an. „Okay, wir machen das, aber an den Tagen, die ich Ihnen angegeben habe und die ich auch benötige. Eine Verlängerung mache ich nur dann, wenn das hier gut läuft.“ Die beiden nickten und wir verabschiedeten uns schnell. Die Unterlagen wollten Sie uns zuschicken, damit ich mir diese in Ruhe ansehen kann. Der erste Hausbesuch der Haushaltshilfe Ewa war auch schon fix. Ich war gespannt.

Robin Hood schlägt zurück

Was ich allerdings kurz nach diesem Überfallkommando sofort tat und was die beiden Damen natürlich nicht wussten, nicht ahnten, war Folgendes: Ich schrieb der Sozialarbeiterin eine E-Mail über die Situation, in der sich meine Tochter und ich uns soeben befunden hatten. Denn die ganze Zeit musste ich daran denken, was mit Menschen geschieht, die sich nicht zu helfen wissen, sich nicht wehren können, die von dieser Art „Überfallkommando im Helfergewand“ einfach überrollt werden, richtiggehend ausgeliefert sind. Niemanden haben, der das Wort für sie ergreift. Ein beklemmendes Gefühl kroch in mir hoch, aber auch so ein kleiner Robin-Hood-Impuls: Euch zeige ich es. Das hat ein Nachspiel.

Bitte, melde dich

Meine Schilderung war anscheinend so eindringlich, dass sich die Sozialarbeiterin postwendend bei mir meldete und auch noch mal bestätigte, dass es ein derartiges Gesetz überhaupt nicht gäbe und ich natürlich weder Medikamentenliste noch Arztbrief hätte herausgeben müssen. Sie war ehrlich entsetzt. Diesen Pflegedienst würde sie bei der Krankenkasse melden. Das gehe nun überhaupt nicht. Gut, dass ich mich gemeldet hätte, das machten leider die wenigsten. Die Krankenkasse solle meiner Beschwerde jetzt nachgehen und den Pflegedienst im Zweifel von ihrer Liste streichen. „Das tut mir so leid für Sie. Wenn die Haushaltshilfe nicht zu Ihnen passt, geben Sie mir noch mal Bescheid, wir suchen dann was anderes für Sie.“ Spätestens jetzt dämmerte mir auch, warum dies die einzige Pflegeinrichtung war, die noch Kapazitäten hatte.

Wichtig ist mir aber auch zu sagen, dass ich sicher Pech hatte und an eines der berühmt berüchtigten „schwarzen Schafe“ geraten war. Ich möchte nicht eine ganze Branche unter Generalverdacht stellen. Aber bitte, passt auf und wehrt euch – auch wenn es im Nachhinein ist. Die Krankenkassen sind interessiert an Rückmeldungen, die sichtbar machen, was falsch läuft. Am besten schriftlich.

Happy End

Zum Glück war es nicht nötig, meinen Auftrag zu kündigen. Ewa, die Haushaltshilfe, und ich verstanden uns prächtig. Sie war eine Seele von Mensch und tat mir gut und sie war eine enorme Entlastung in diesen für mich wirklich schwierigen Wochen des Wiedereinfindens in den Alltag.

Manchmal muss man eben mehrere Kröten schlucken und vor allem kämpfen, um schließlich doch zum Ziel zu gelangen.

Nachklang

Vielleicht wird sich die eine oder der andere jetzt fragen „Gute Güte, was hat ´se sich denn so? Warten müssen wir alle und das Gespräch mit den beiden Damen hat doch sicher nicht länger als eine Stunde gedauert. Wo ist die Härte?“ Das muss ich erklären: Nach einer Stammzelltransplantation fühlt man sich auf eine Weise schutzlos, die unvergleichlich ist. Bei mir kam außerdem noch das Morphium dazu. Zumindest hatte ich dieses bislang noch nicht erlebt. Der Körper stellt sich um auf ein neues „Betriebssystem“, das immer und immer wieder mal schwächelt oder „zum Absturz kommt“, um im Bild zu bleiben. Man ist auf die Hilfe von anderen angewiesen und hat vor allem eines nicht: Kraft, um sich gegen Widerstände zu behaupten. Diese Kraft kommt im Laufe der Zeit wieder – das ist der Trost und die Hoffnung – aber die beiden Damen vom Pflegedienst waren die Grenze. Und das hätten sie fühlen müssen. Heute würde ich ….

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