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„Lessons learned“ – Fünf Jahre nach der Krebsdiagnose bin ich schlauer

Lektionen nach der Krebsdiagnose

Von Abschied(en) und Neubeginn
– Nachzuhören im aktuellen Podcast –

Als ich diesen Text verfasst hatte, dachte ich tatsächlich, ich schreibe über das, was mich die letzten zwölf Monate gelehrt hatten.

Es sollte mein Jahresrückblick auf 2020 sein.

Falsch gedacht.

Neben den durchaus richtigen Feststellungen wie:

Ich weiß die kleinen Dinge wieder mehr zu schätzen
oder
Arbeit ist nicht alles im Leben
oder
ich genieße jeden Augenblick und kann sogar feiern, dass ich älter werde.

Das war übrigens nicht immer so.

Die Zahl fünfzig erschien mir wie eine Sackgasse, ein Endpunkt, eine Drohung.

So ein Blödsinn!

Dieses Jahr werde ich sogar schon fünfundfünfzig!

Ich schreibe diese Zahl mal ganz bewusst hier so hin.

Ein Selbstläufer war das nicht.

Ich habe diese fünf Lektionen auch auf der Audiospur für die vierte Folge von Nellas Neuaufnahme eingesprochen.
Wenn du magst, höre sie dir HIER an.

Hier nun die Lektionen, die ich mir (hart) erarbeitet habe:

Erste Lektion: Nachrichten auf das Allernötigste reduzieren

Die Dosis macht das Gift, heißt es so schön. Nicht erst jetzt habe ich das bei mir beobachtet, zu viel Nachrichten schauen macht mich fusselig, macht mich nervös.

Wenn ich mich zu sehr in die Welt der Schlagzeilen begebe, werde ich von meinem eigenen Fokus abgelenkt.

Vor Kurzem kreuzte ein Satz, der von Milton Erickson, dem Begründer der Hypnotherapie, geprägt wurde, meinen Weg: „Worauf du deinen Fokus richtest, dahin fließt deine Energie.“

Bei mir löste das gleich mein Kopfkino aus. Natürlich ist damit nicht gemeint, alles andere auszublenden, sondern sorgsamer mit dem Konsum und der Flut von Einflüssen von außen umzugehen.

Frei nach Aschenputtel: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Zweite Lektion: Den eigenen Rhythmus finden – geregelte Abläufe werden zu guten Freunden

Ich sage es dir ganz offen, Rituale waren mir immer ein Graus, überhaupt nicht mein Ding. Schlimmer noch: Inbegriff von Stillstand und Spießigkeit. Das kam kurz hinter: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Inzwischen sehe ich das anders.

Rituale geben Halt und Rahmen. Gerade wenn du nicht mehr deinem Job nachgehen kannst, brauchst du andere Rhythmusgeber. Das ist sehr schwierig, denn nicht jeder ist als „Selbstständiger“ (der ohne Rituale gar nicht durch den Alltag käme) geboren.

Natürlich ist es schön, sich seine Zeit frei einteilen zu können. Ich laufe dann oft Gefahr mich im Zeit- und Raumkontinuum zu verlieren – oder wie meine Mutter es trocken auf den Punkt bringt: „Kind, du verzettelst dich.“

Neuerdings beruhigt es mich – gerade vor dem Einschlafen – zu wissen, was morgen und die nächsten drei bis fünf Tage ansteht. Die Wochenplanung mache ich jeden Sonntag. Meine Rituale sind meine Richtachsen, meine guten Freunde.

Dritte Lektion: „Tschüss, „Krebs-Ich“!

Was ich damit meine? Es gibt eine Zeit, in der man alte Rollen abstreifen sollte.
Das ist wie bei einem Kind, das auszieht, sein eigenes Leben beginnt. Das ist nicht einfach. Zugegeben.

Mir steht das in nicht allzu ferner Zukunft bevor. Schon der Gedanke daran lässt mich unruhig und wehmütig werden. Gerne würde ich noch an den liebgewonnenen Gewohnheiten der Vergangenheit festhalten.

Aber der Beginn einer neuen Lebensphase ist notwendig. Jeder muss seinen Weg gehen. Begleiten kann man seine Sprösslinge auch aus der Entfernung. Anders, aber dennoch mit mütterlicher Liebe und Fürsorge. Hotel Mama ist keine Alternative.

Ähnlich verhält es sich mit der Krebserkrankung.

Hältst du an der Patientenrolle fest, wirst du deine eigene Stärke schwer weiterentwickeln können, sie wiederfinden. Der Krebs ist wie eine vermeintlich schützende Monstranz, die du vor dir her trägst.

Die Diagnose ist selbstverständlich hart, verstehe mich nicht falsch, ich weiß, wovon ich spreche, das weißt du. Wahrscheinlich wirst du jetzt empört sein und verärgert mit dem Bildschirm sprechen, was mir denn einfällt.

Aber hei, wie oft hast du deine Diagnose schon als unausgesprochene Ausrede genutzt, dich dahinter versteckt – bewusst oder unbewusst?

Eine Bekannte sagte einmal zu mir: „Das muss jetzt aber auch gut sein, das mit deinem Krebs.“  Damals war ich hochverärgert darüber, heute sehe ich es differenzierter.

Der Krebs darf nicht jeden Tag, jede Stunde, jede Minute meines Seins bestimmen – und deines auch nicht. Traue dir wieder mehr zu – wenn es geht.

Du bist wahrscheinlich schon länger dafür bereit, hast es nur noch nicht bemerkt.

Ich habe das auch an mir beobachtet. Ich habe mich viel zu lange – auch nach erfolgreicher Therapie – immer noch als „nur“ Krebspatientin gesehen und mich danach verhalten.

Das ist auf der einen Seite völlig in Ordnung, das Leben nach Krebs ist und bleibt ein anderes, du fühlst dich schwach und verletzlich. Andererseits habe ich mich dabei ertappt, meine Krebserkrankung als Rechtfertigung für viele Dinge heranzuziehen, die mir unbequem waren.

Damit meine ich das Denken und das Tun.

Mein „Krebs-Ich“ erlaubte es mir, mehr zu delegieren als nötig, mich hier und da zurückzuziehen, die anderen machen zu lassen. So habe ich es nicht nur meinem Umfeld schwieriger gemacht mit mir umzugehen, mir mehr zuzutrauen, sondern mir selbst viel genommen.

Oft gab es deswegen Spannungen.

Damit war schlagartig Schluss als mir das klar wurde. Wenn ich als gesund wahrgenommen werden möchte, muss ich mich auch danach verhalten, meinen Schutzraum verlassen.

Seit ungefähr einem Jahr gehe ich wieder viel eigenverantwortlicher mit mir um und versuche die Dinge wieder selbst zu lösen, wieder „lauter“ und selbstbewusster zu sein.  Und was soll ich sagen, es fühlt sich gut an.

Der Nachsorgetermin kommt ohnehin – die Zeit dazwischen ist wertvoll und will mit Leben ausgefüllt sein.

Mindestens bis dahin gilt:  „Tschüss, Krebs und tschüss, „Krebs-Ich“!

Vierte Lektion: „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne.“

Ich weiß nicht, wie es sich bei dir verhält, ich bin jedenfalls eine treue Seele. Freundschaften haben einen sehr hohen Stellenwert in meinem Leben.

Vielleicht liegt darin der Grund dafür, dass ich länger an Verbindungen festhalte als angesagt wäre.

Die liebe Gewohnheit und die Hoffnung, dass es schon wieder würde, sind ein trügerischer Kitt. Perspektiven, Wertevorstellungen und Wege ändern sich.

Das ist normal.

Das gilt auch für Freundschaften. Gerade wenn sie durch ein schicksalhaftes Ereignis auf die Probe gestellt werden.

Mein Abschiednehmen war ein stiller Prozess. Niemand kann ein totes Pferd reiten.

Umso mehr freue ich mich über neue, überraschende und überraschend tiefe Begegnungen. Wer auf einer Wellenlänge surft, wird sich finden.

Das trägt mich weiter und zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Immer wieder.

Fünfte Lektion: Meine Stärken (wieder)entdecken.

Der Zusammenhang zwischen dieser und der vierten Lektion ist offensichtlich. Denn der Mut zum Abschied und die Offenheit für Neubegegnungen erfordern eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Vieles von dem, was mich ausmacht, habe ich dadurch wiedergefunden. Hurra.

Lustigerweise waren es gerade die neuen „Beziehungen“, die mir das vor Augen geführt haben. „Sei du selbst! Das ist deine Stärke. Dich darf man nicht aufhalten.“ bestärkte mich eine liebe Freundin. Danke dafür, liebe Ümit.

Für 2021 werde ich das als meinen Kompass mit mir tragen, was auch immer ich beginne, wen auch immer ich treffe.

Was sind deine Lektionen aus den letzten 12 Monaten oder aus der Zeit nach der Diagnose bis heute?

Was ist deine größte Offenbarung?

Ich bin gespannt.

Schreibe gerne einen Kommentar unter diesen Beitrag oder eine E-Mail an: schreibnella@zellenkarussell.de

Eine Zeit voller Kraft und Zuversicht, Freude und mit bereichernden Begegnungen, das wünsche ich dir von Herzen.

Alles Liebe,

die Nella

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Hier geht es zu den Podcast-Folgen: Podcast: Nellas Neuaufnahme – Zellenkarussell

 

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