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Routinen sind Helfer in der Not.

Ich stand mit dem Thema Routine schon immer ziemlich auf Kriegsfuß.

Routinen sind doch „lame“, total langweilig, der Inbegriff von Spießigkeit und Stillstand.

Sie waren aus meiner Sicht ein Bremsklotz für Leidenschaft und Motivation.

Mir fielen spontan nur negative Assoziationen ein wie:

Alltagstrott, Automatismus oder Tretmühle.

Also alles Dinge, die mir nicht entsprachen, die ich komplett ablehnte.

Mein Wendepunkt war der Moment, als ich mich auf Anraten meiner Psychoonkologin darauf eingelassen habe, das Ganze doch einmal auszuprobieren. Es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

Was war passiert?

Ich war unzufrieden und unruhig, aber das Schlimmste war, dass sich abends im Bett so eine Beklemmung breit machte als läge ein Stein auf meiner Brust. Ich hatte Not.

Eigentlich komisch, denn meine Therapie lag hinter mir. Ich sollte mich doch eigentlich frei fühlen.

Aber nein, genau das Umgekehrte war der Fall.

„Versuchen Sie es doch mal, Nella. Zwei Wochen lang nehmen Sie sich zwei kleine Routinen vor. Eine für morgens und eine für abends und schauen Sie mal, was das mit Ihnen macht.“ Empfahl sie mir.

Okay: „Versuch macht kluch!“ und meine „Psycholady“ war ja schließlich eine Expertin auf diesem Gebiet.

Auf meiner Routineliste habe ich mir dann brav für morgens notiert:

Zehn bis fünfzehn Minuten Mini-Hanteltraining.

Und abends um 20 Uhr einen heißen Tee trinken.

Das sollte für Erste erst einmal reichen.

Ich wollte mich ja nicht gleich in ein Verabredungskorsett zwängen.

Als ich merkte, dass sich das positiv auf meine innere Ruhe auswirkte, erweiterte ich in der zweiten Woche das Programm und nahm für 14 Uhr den Spaziergang oder, damit diese Verabredung nicht ganz so „schnarchig“ klingt, den Walk dazu.

Immer mindestens 30 Minuten, aber auch nicht länger als eine Stunde, zog ich im Kiez meine Runde.

Es war wirklich eigenartig, aber diese Routinen entspannten mich. Es hatte so etwas Verlässliches.

Dazu fiel mir ein, dass ich vor zwei Jahren eine junge Frau auf dem Flur im Krankenhaus getroffen hatte, die ich aus einem Seminar kannte.

Sie saß mit gesenktem Kopf und angezogenen Beinen auf einem Stuhl im Wartebereich der Ambulanz.

Als ich sie fragte, was passiert sei, antwortete sie mir:

„Meine Therapie ist zu Ende, ich darf nicht mehr kommen.“
Als ich entgegnete, dass das doch eine gute Nachricht sei, kullerten ihr die Tränen nur so übers Gesicht und sie brachte dann unter Schluchzen heraus:

„Ja, eigentlich schon, aber ab nächster Woche, darf ich nicht mehr hierhinkommen. Die sind mir hier alle so ans Herz gewachsen … und … ich wusste immer was ansteht, wo ich hin muss, jetzt hänge ich total durch und habe große Angst vor dem, was kommt.“

Mir hatte sich diese Begegnung so ins Gedächtnis gebrannt, weil die Verzweiflung von Sandra zu greifen war, ich aber gleichzeitig nicht so recht verstand, warum sie so untröstlich war.
Ich hätte damals so gerne mit ihr getauscht und hätte Luftsprünge gemacht – dachte ich.

Jetzt plötzlich verstand ich sie, mir ging es sehr ähnlich. Ich war zwar nicht verzweifelt, aber doch irgendwie suchend, geradezu verloren.

Die Routinen werden zu guten Freunden

Die Routinen, meine Routinen haben nun den Platz der Therapie übernommen. Nein eigentlich mehr, sie sind mir gute Freunde geworden.

Na ja gut, nicht ganz, aber doch so, dass ich wieder etwas Verlässliches habe, was mich auffängt, mir Halt gibt.

Gerade wenn sich die Dinge um dich herum ständig ändern oder du damit rechnen musst, dass wieder irgendetwas Unerwartetes auf dich zu kommt, ist das sehr angenehm.

Du weißt einfach genau, was dran ist, und hast es auch noch selbst bestimmt. Niemand hat dir gesagt, was du tun sollst, du hast dir etwas ausgesucht.

Bei dem berühmten österreichisch-amerikanischen Pädagoge und Psychiater Rudolf Dreikurs fand ich dann eine Erklärung, die eigentlich auf die Bedeutung von Routinen bei Kindern zugeschnitten ist.

Nämlich, dass

„die tägliche Routine für ein Kind das ist, was die Wände für ein Haus sind: Sie geben ihm Grenzen und Raum fürs Leben. Kein Kind fühlt sich in einer Situation wohl, in der es nicht weiß, was es erwarten soll. Die Routine gibt Kindern ein Gefühl von Sicherheit. Eine fest verankerte Routine gibt einem das Gefühl von Ordnung, woraus wiederum ein Gefühl von Freiheit entsteht.“

Das passte.

Genau so empfand ich es.

Routine kommt übrigens aus dem Französischen „routine“ und bedeutet Wegerfahrung. Damit bezeichnen wir Fähigkeiten, die dadurch erworben werden, dass sie über einen gewissen Zeitraum immer wiederholt wurden.

Für Menschen nach einem Trauma bedeutet das: sie erlangen wieder mehr Sicherheit und irgendwann auch wieder mehr Leichtigkeit.

Erst funktionieren, dann strukturieren

Nach einer lebensbedrohenden Diagnose ist es sehr schwierig, wieder Vertrauen zu gewinnen, vor allem Vertrauen in den eigenen Körper zu haben, neue Perspektiven zu entwickeln oder gar los zu lassen, locker zu bleiben.

Genaugenommen ein Witz.

Das gehört in die Kategorie: Sonst noch was?

Wie soll das denn gehen?

Gerade eben wurde dir der Boden unter den Füßen weggezogen und da redet jemand von Vertrauen haben und lockerlassen.

Der erste Moment

Im allerersten Moment können wir alle erst mal „nur“ funktionieren und versuchen dabei, den Schock zu überwinden, sagte mir meine Psychoonkologin.

Das ist ganz normal.

Ich habe das einmal mit einer Ballmaschine beim Tennis verglichen.
Jeder Ball, den die Maschine auswirft, versuchst du erst einmal übers Netz zu bekommen. Besonders dann, wenn die viel zu schnell eingestellt ist, kannst du nicht groß überlegen, wohin die Filzkugeln fliegen, geschweige denn, wo sie landen sollen.

Das Funktionieren hilft – zunächst.

Du tust etwas und du lenkst dich gleichzeitig ab.

Jetzt kommt die Struktur

Dann aber, nach einer gewissen Zeit, spielt die regelmäßige Struktur eine große Rolle.

Du brauchst eben neue Taktgeber, neue Richtachsen.

Ganz besonders, wenn dir mit der Erkrankung die Regelmäßigkeit der Arbeitsroutine genommen wurde.

Du baust dir deine eigene Agenda und fängst erst einmal langsam wieder damit an, dir kleine Eckpunkte, kleine Ankertermine in den Alltag einzubauen.

Das gibt dir Halt.

Denn gerade der geht dir nach traumatischen Erlebnissen verloren. Und ganz klar, eine lebensbedrohende Diagnose ist ein traumatisches Ereignis. Punkt.

Schritt für Schritt gewinnst du wieder Boden unter den Füßen.

So erging es mir auch.

Ich wusste ganz genau, was auf mich zu kommt, auf was ich mich freuen kann. Und gerade beim Einschlafen beruhigte mich das ungemein.

Woran liegt das?

„Sie schauen wieder voraus, Nella. Sie bauen sich eine kleine Perspektive auf und erobern sich Ihr Terrain zurück. Auch wenn es ganz kleine Schritte sind, helfen sie enorm.“

Oder frei nach Max Planck. „Wenn du die Art und Weise änderst, wie du die Dinge betrachtest, dann ändern sich die Dinge, die du betrachtest.“

Inzwischen habe ich meine eigene Routine etwas verändert. Denn auch das ist das Gute an diesem Mechanismus: Du kannst ihn verändern.

Ungefähr nach sechs Wochen geht das neue Programm in „Fleisch und Blut“ über.

Jetzt mache ich es so:

Morgens kurz nach dem Aufwachen mache ich mir einen Kaffee, setze mich an meinen Schreibtisch und beginne frei zu schreiben. Das bedeutet, ich notiere mir ungefähr fünfzehn Minuten lang, was mir in den Kopf kommt:
Gedanken, Ideen für meinen Blog, Pläne für den Tag oder auch Traumerinnerungen.

Dieses so genannte „Journaling“ macht meinen Kopf frei, so dass ich klar in den Tag starten kann. Da ich ohnehin gerne schreibe, hilft mir das sehr. Danach mache ich tatsächlich immer noch mein geliebtes Hanteltraining.

Meine Freundin zum Beispiel startet immer mit Yoga und einem Sonnengruß. Vier Wiederholungen reichen ihr. Danach nimmt sie sich 30 Minuten zum Lesen der Tageszeitung, natürlich auch mit einem schönen Kaffee und einer Schüssel mit Porridge/Haferbrei.

Ein Freund geht abends immer mit seiner Frau spazieren. Regelmäßig um 18 Uhr.

Den Tee am Abend habe ich beibehalten.

Mein Tipp: Baue einen „Trigger“ ein

Die Routine-Formel lautet:
Auslöser (Trigger) -> Aktion (Action) -> Belohnung (Reward) 

Viele Routinen haben einen Auslöser, einen Trigger. Gerade am Anfang ist das sehr hilfreich.

Zum Beispiel: „Wenn mein Wecker klingelt, schnappe ich mir meine Turnschuhe und gehe spazieren.“
Oder: „Ich lege mir meine Hanteln neben das Bett, damit ich gleich nach dem Aufstehen daran denke, meine Übungen zu machen.“
Oder: „Immer, wenn ich merke, dass meine Schulter verspannt ist, ziehe ich sie bis zu meinen Ohren hoch und lass sie fallen. Das wiederhole ich drei Mal.“

So fällt es leichter, Routinen umzusetzen und dran zu bleiben. Außerdem lösen sie im richtigen Moment das Verhalten aus, das uns guttut, das ist dann die Belohnung.

Das Gute an Routinen:

  • Routinen geben dir eine Tagesstruktur, sie sind sanfte Taktgeber.
    Gerade wenn gewohnte Abläufe verwischen, beispielsweise, weil fixe Arbeitszeiten mit Hin- und Rückfahrt zum Büro wegfallen, können Routinen trotzdem bestimmte Tagesabschnitte einläuten.
  • Routinen geben dir das gute Gefühl, deine eigene Agenda zu erstellen. Was wann dran ist, bestimmst du. Das stärkt dich und deine Eigenverantwortung.
  • Routinen geben dir Sicherheit und lösen einen sogenannten Stabilitätsmechanismus aus.
  • Routinen machen unabhängig. Durch das Einführen von Routinen müssen wir uns an bestimmten Stellen keine Gedanken mehr machen, wie unsere Reaktion auf veränderte Umstände ausfällt. Die Entscheidung für das Verhalten ist unabhängig vom Äußeren: „Am Freitag drehe ich meine Runde durch den Wald, egal ob es regnet oder nicht.“

Jetzt bist du dran.

Baue dir deine Routine(n) zusammen.

Fang vielleicht wie ich, erst einmal klein an und dann feilst du dein Routine-Konzept immer weiter aus.

Viel Erfolg dabei!

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„Warum sagt einem das denn niemand?“

Lange habe ich überlegt, ob ich es wagen soll, da Ratgeber von Nicht-Promis angeblich nicht gelesen werden …
Jetzt habe ich es einfach gemacht. Denn ich finde, was ich in diesem Ratgeber zusammengetragen habe, sollte jede(r) Krebspatient*in unbedingt wissen.

Besonders, wenn die Diagnose noch sehr frisch ist, wächst dir einfach alles über den Kopf. Oft genug habe ich selbst vor mich hin geschimpft: „Das hätte ich gerne früher gewusst!“

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Das Coolste ist: Dieser Ratgeber soll weiterwachsen! Schreibt mir einfach, was da unbedingt noch reingehört und schickt mir eine E-Mail an: schreibnella@zellenkarussell.de – Stichwort: Warum.



Weitere Leseempfehlung: Angst lass nach! – In sieben Schritten gegen ein Gefühl, das jeder kennt – Zellenkarussell

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