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Frau Nella sucht das Glück

Kann man Glück lernen? – Teil 1

„Hey Nella, hast du dich schon zum Glücksseminar angemeldet?“ Die Psychoonkologin meines Vertrauens, Marie-Lou, setzte sich mit fröhlich-dynamischem Ausdruck neben mich und lächelte mich erwartungsvoll an. Ich saß mal wieder in der Ambulanz zur Kontrolle. „Wie? Was für ein Glücksseminar?“, fragte ich matt und nicht besonders begeistert. Mir ging es – vorsichtig gesagt – nicht besonders. Alles ging mir zu langsam.

Außerdem hatte sich eine gewisse Schwere in mir breit gemacht und hielt mich fest. Wie eine fiese Krake umschlangen mich die Tentakeln des Trübsinns. Ich versuchte mich immer und immer wieder aus dieser Umklammerung zu lösen. Allein die Kraft fehlte. Mein Vater attestierte mir dazu auch noch eine gewisse Schwingungsarmut, die so gar nicht meiner Art entsprach. Schon gar nicht für eine längere Zeit wie diesmal. Eigentlich war es auch absurd, dass ich gerade jetzt so drauf war, denn genau betrachtet müsste ich doch strahlen. Die Transplantation war gut gelaufen, die Nebenwirkungen der Therapie beziehungsweise die Graft versus Host-Reaktionen (GvH-D) hatten die Ärzte ganz gut im Griff. Das Zauberwort, das alles überstrahlen müsste, hieß „Komplette Remission“. Alles weg. Der „Sausack“ war besiegt. Ein echtes Wunder, der „lucky punch“ war geglückt! Aber ich war ziemlich angeschlagen, unglücklich und ließ den Kopf hängen.

Einladung zum Glück

Eine liebe Freundin sagte mir, dass das sehr typisch sei. Erst erholt sich der Körper und dann fordert die Seele ihren Tribut. So war es auch: körperlich war ich auf einem guten Weg, aber meine Seele kam nicht hinterher. Über meinen Rücken krabbelten immer wieder ganz hinterlistig und ohne Ankündigung dunkle Gedanken in meinen Kopf und machten es sich dort bequem. Die saßen tief in einem gemütlichen Ohrensessel, tranken Tee und überholten sich gegenseitig mit gruseligen Geschichten. Ich fand den Knopf nicht, um diese Inszenierung abzustellen. Und genau jetzt musste Marie-Lou, besagte Psychoonkologin, mir dieses Glücksseminar aufs Auge drücken, ausgerechnet. Pff, Glücksseminar, was soll das schon sein? GLÜCK, haha! Guter Witz! Ich reagierte leicht zynisch und reichlich ablehnend auf dieses Angebot und dachte – zugegeben reichlich hochmütig: Kann ich da vielleicht einen „Buddha-Bauch“ töpfern, einen Gänseblümchenkranz flechten, mich im kollektiven Lachen und Singen üben, oder wie? No way! Wie gesagt, ich war ziemlich mies drauf.

Die Neugier siegt

Sie ließ nicht locker und zeigte mir den Flyer mit den Terminen. Typisch Marie-Lou. „Du kannst doch einfach schauen, ob das was für dich ist. Den Seminarraum verlassen, kannst du immer noch. Ich denke aber, das wird dir gut tun.“ Sie redete und redete. Inzwischen entspannte ich mich etwas und natürlich kannte sie mich, wusste womit sie mich kriegen konnte, nämlich mit meiner Neugier. Sie war stärker als mein Phlegma und so konnte es ja auch nicht weiter gehen. Ein Versuch war es wert, mich wieder aus meinem Gefühlstief heraus zu buddeln. Vielleicht gab mir das ja den nötigen Drive. Noch in ihrem Beisein füllte ich das Anmeldeformular aus und drückte es ihr in die Hand. Fröhlich zog sie mit meinem Anmeldeformular von dannen. Ich dachte nur: „Oh Mensch, was hab ich denn jetzt gemacht? Das wird sicher eine ganz furchtbar blöde Veranstaltung.“

Positive Psychologie

Bevor ich das Seminar besuchen sollte, recherchierte ich einiges zum Thema „positive Psychologie“, das ist die Forschungsrichtung innerhalb der Psychologie, die das Glück erforscht – gute alte Neugier, da war sie wieder. Schmunzel.
Also, es ist so, was jeder von uns bisher kennen gelernt hat, ist – so denke ich doch – die sogenannte defizitorientierte Psychologie. Wenn etwas nicht stimmt mit dir, gehst du zum Psychologen und gut ist. So kannte ich das bisher ja auch und hatte auch keine Probleme damit. Marie-Lou hatte mir in den letzten Monaten oft genug dabei geholfen, meine Seele wieder ins Lot zu bringen. Noch bis Ende der 1990er Jahre beschäftigte sich die Psychologie in erster Linie mit der Therapie, der Heilung von psychischen Problemen und versuchte zu klären, was uns unglücklich macht.

Martin Seligman – oder die Frage: Wie blühen Menschen auf?

Zwar hatte schon Abraham Maslow 1954 – uns allen sicher noch bekannt aus dem Biologieunterricht mit seiner berühmten maslowsche Bedürfnispyramide – den Begriff der positiven Psychologie eingeführt, die genau den anderen Ansatz verfolgt, nämlich die Förderung und Stärkung der Lebensfreude, des eigenen Glücks. Doch dieser Ansatz wurde schnell wieder vergessen und nicht weiterverfolgt oder sagen wir besser, stiefmütterlich behandelt. Bis dann endlich fast 45 Jahre später Martin Seligman diesen Begriff wiederaufleben lies und etablierte. Er ging insbesondere der Frage nach: Wie blühen Menschen auf? Also, was macht sie glücklich? Und da setzte das Glücksseminar an.

Herzlich Willkommen

Drei Wochen später war es dann so weit, die Seminarleiterinnen begrüßte uns betont freundlich mit den Worten: „Schön, dass Sie alle an unserem heutigen Glücksseminar teilnehmen. Wir sind glücklich, dass sie gekommen sind.“ Ich schaute in die Runde und mich beschlich eine gewisse Skepsis. Reflexartig checkte ich meinen Fluchtimpuls. Bei einer Skala von eins bis zehn lag dieser zwischen fünf und sechs – ging so.

Wer waren diese „alle“? Was würde mich erwarten? Machen ausgerechnet die mich jetzt eventuell glücklicher und machen wir jetzt doch alle zusammen so eine Art Lachtherapie? So richtig gut drauf waren die alle nicht. Die Teilnehmerinnen waren zwischen 30 und 75 Jahren alt und schauten – das musste ich allerdings anerkennen – trotzdem ganz offen in die Runde. Ein einziger Mann war dabei – wie immer. Ich zählte leise für mich durch und kam auf zehn Teilnehmer. Okay, eine angenehme Größe, mach dich mal locker, Nella, befahl ich mir. Du kannst ja immer noch gehen, wenn es dir zu blöd wird. Und dann ging es los …

Weiter geht´s mit dem zweiten Teil „Du hast das Glück selbst in der Hand“.

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