– und warum das nicht nur eine Frage der Begrifflichkeit ist
Neulich, in Vorbereitung auf meinen neuen Ratgeber, saß ich da und dachte:
Ab wann genau soll das eigentlich gelten, dieses Survivor-Sein? Der Hintergrund war die Findung meines Untertitels. Sollte ich den Begriff Cancer Survivor einbauen oder besser nicht? Ein Gespräch mit Martina, einer befreundeten Psychoonkologin, gab mir den maßgeblichen Impuls, das Thema doch mal genauer zu beleuchten.
Eine erste Einordnung
Der Begriff Cancer Survivor ist etabliert, keine Frage. Man liest ihn in Studien, hört ihn auf Kongressen, findet ihn in Broschüren. Und trotzdem: So richtig festgelegt – wie ich immer dachte – ist er nicht.
- Fünf Jahre nach der Therapie, sagen die einen.
- Einen Tag nach der Diagnose, sagen die anderen.
Tja, und dann stehst du da mit deiner eigenen Geschichte und fragst dich:
Was macht das mit mir, wenn ich mich so nenne oder genannt werde?
Möchte ich das überhaupt?
Ist das eine Bezeichnung, die mich empowert oder eher Druck erzeugt?
Ich sage ganz offen: Mich persönlich hat der Begriff Survivor am Anfang schon gestärkt.
Da schwang etwas mit wie: „Hurra, ich bin noch da!“ Besonders nach den fünf Jahren nach der Stammzelltransplantation.
„Du musst jetzt kämpfen!“
Gleichzeitig impliziert er eine Kampf-Rhetorik, die mir oft quer im Magen lag und liegt.
Du kennst sicher den Satz, den wir alle nach der Diagnose so oder ähnlich im Zweifel mit einer geballten Faust in die Luft gereckt, hören: „Du musst jetzt kämpfen!“ Mich hat diese Anfeuerung erst motiviert, dann aber schnell irritiert und ehrlich gesagt auch gestresst. Ich wollte nicht ständig im Kampfmodus sein. Allein die Vorstellung erschöpfte mich. Ich brauchte eher Ruhe, Fokus und ein Team, das mich unterstützt, mit mir lacht und auch mal in den Arm nimmt, wenn ich körperlich oder mental am Boden bin.
Denn was für ein Kampf soll das bitte sein?
Das ist doch kein Boxring.
Kein fairer sportlicher Wettkampf.
Eine freie Entscheidung dazu gibt es außerdem nicht.
Und von Augenhöhe keine Spur.
Und wenn wir das vom Ende her denken, wird es erst richtig schräg.
Wenn wir nämlich sagen:
- Du hast es geschafft, weil du gekämpft hast.
- Weil du stark genug warst.
- Weil du durchgehalten hast.
Denn was ist dann mit all denen, die es nicht geschafft haben? Hätten sie nur besser kämpfen müssen? Nein. Ganz sicher nicht. Der Krebs folgt seinen eigenen Gesetzen. Leider. Deshalb passten für mich irgendwann andere Sätze besser: „Ich gebe nicht auf. Ich suche nach Wegen.“
Nach der Therapie: geheilt und trotzdem nicht gesund.
Zurück zum Survivor-Begriff.
Viele Krebspatient:innen erleben die Zeit nach der Therapie als Übergang.
Oder als Neubeginn, der sich sehr ruckelig anfühlt. Auf einmal stehen Ängste, insbesondere Rezidivängste, im Raum. Wie sagte es eine Teilnehmerin eines Panels zum Thema Wiedereinstieg mal so richtig:
„Die Angst vor dem Krebs beginnt nach dem Krebs.“
Dem kann ich mich nur anschließen.
Außerdem zeigen sich neue Neben- und Nachwirkungen.
Geheilt und trotzdem nicht wieder ganz gesund. Der Körper fremd. Die Gefühle wirbeln durcheinander. Die Erwartungen groß. Denn schließlich soll ja „alles wieder gut“ sein.
Diese Phase hat auch nichts mit Kämpfen zu tun, sondern mit Haltung, mit Sortieren, mit vorsichtigem Vorantasten.
Ich nenne sie gern die „verflixte dritte Phase“. Warum? Na, weil sie uns heftig und unvorbereitet trifft. Die Onkologinnen und Onkologen schauen vor allem auf die Blutwerte und auf Anzeichen eines Rezidivs, aber nicht auf das Gesamtbild Patientin/Patient nach der Therapie. Die Auseinandersetzung mit der Begleitung im sogenannten Survivorship nimmt erst langsam Fahrt auf. Dennoch fühlen sich die meisten sehr alleingelassen und auf sich selbst gestellt. Das befördert den Eindruck, dass nur sie das so empfinden und darunter leiden. Das „Danach“ braucht meines Erachtens auch von ärztlicher Seite deutlich mehr Aufmerksamkeit, als es bislang bekommt.
Survivor, Thriver – oder was?
Inzwischen taucht in der Survivorship-Debatte ein weiterer Begriff auf: Cancer Thriver.
Von to thrive – aufblühen, wachsen, gedeihen. Die Idee dahinter ist mir sehr sympathisch.
Es geht hierbei nämlich nicht nur ums Überleben, sondern darum, wie wir unser Leben nach Krebs gestalten. Und ja, das kann empowernd sein. Aber – und das ist mir wichtig – es kann auch Druck erzeugen. Die Zeit nach der Therapie bedeutet nicht immer sofort Wachstum. Das funktioniert nicht auf Knopfdruck. Das ist Arbeit und manchmal auch frustrierend. Es erfordert Akzeptanz und Flexibilität. Ich persönlich kenne niemanden, der genau da weitergemacht hat, wo er vor der Diagnose ausgebremst wurde. Das zu verstehen und anzunehmen braucht seine Zeit.
Deshalb ist für mich die eigentliche Frage nicht: Survivor oder Thriver?
Sondern: Für wen ist welche Bezeichnung hilfreich – und für wen eben nicht? Denn Sprache schafft unsere Lebensrealität. Sie prägt, wie wir uns selbst sehen. Und wie viel Raum wir unterschiedlichen Erfahrungen zugestehen.
Anmerkung in eigener Sache:
Diesem gesamten Themenkomplex widme ich mich in meinem Erfahrungs- und Strategiebuch für Menschen nach der Krebstherapie ausführlich. Es erscheint am 4. Februar 2026.
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So sehen es einige meiner Followerinnen auf LinkedIn:
Um zu veranschaulichen, wie unterschiedlich die Sichtweisen zu dieser Thematik sind, habe ich dir mal ein paar Kommentare zusammengestellt, die so auf einen Post von mir eingetrudelt sind. Die Diskussion hat mich sehr inspiriert. Denn jede und jeder hat seine ganz eigene Philosophie entwickelt. Ich finde das großartig. Aber lies selbst:
Claudia Mohr schrieb mir:
„Ich fühle mich als Krebsüberlebende, eben als Cancer Survivor. Eben und auch unter Metastasierung. Cancer Thriverfinde ich schön, aber bzgl. Gedeihen zu unausgewogen. Ich nenne mich oft privat ‚Metasurvivor‘, ohne den Begriff einführen zu wollen. Er erscheint mir innerhalb der Community der Betroffenen am passendsten für mich – ein Wort und alles ist klar. Sonst Cancer Survivor, denn Langzeit- und Spätfolgen und den Wunsch nach Teilhabe innerhalb der Gesellschaft habe ich auch in der fortgeschrittenen Situation.“
Und das kommentierte Eva Schumacher-Wulf:
„Über den Begriff wird ja viel diskutiert. Ich habe mich nie ‚Survivor‘ genannt, auch zehn Jahre nach meiner Ersterkrankung nicht, weil ich wusste, dass ich bei Brustkrebs ein sehr langes Rückfallrisiko habe. Nach 14 Jahren, als die Metastasierung festgestellt wurde, war klar, dass ich kein Survivor sein werde. So sage ich es heute auch. Ich meide auch ‚Survivor‘-Events. Das passt nicht für mich.“
Dann Susann Lüdemann:
„Als metastasierte Melanompatientin erlebe ich beide Begriffe als passend.
Ich lebe noch – und gar nicht schlecht. Das macht mich dankbar.
Das mit dem Kämpfen fühlt sich nicht passend an. Ich habe die Diagnose angenommen und mache mit Zuversicht das Beste daraus.“
Sandra Buchholz ist der Meinung:
„Der Begriff des Kämpfens in Zusammenhang mit Krebs kenne ich auch – und er irritiert mich genauso wie Sie, Nella Rausch. Es geht darum, mit der Erkrankung und der Therapie umzugehen, die Situation auszuhalten und im besten Fall anzunehmen. Dabei findet jede:r seinen eigenen Weg. Ich finde es fatal, Menschen mit einer solchen Diagnose zu verurteilen, wenn sie mit der Situation hadern und nicht ‚das Beste‘ herausholen.“
Dr. Antje Petershagen sieht es so:
„Ich habe es nie als Kampf oder kriegerische Zeit angesehen. Das hätte mich zu viel Energie gekostet. Ich habe viele Jahre den Begriff ‚Survivor‘ gemieden, benutze ihn heute, da er als Momentaufnahme für mich passend ist. Thrivergefällt mir besser. Aber er benötigt wieder viel Kommunikation, da er nicht für jede:n gleich verständlich ist.“
Julia Gottinger machte sich diese Gedanken:
„Cancer Thriver mag ich. Noch nie gehört und übernehme ich direkt in mein Repertoire. Danke dafür.
Früher habe ich auch ‚kämpfen‘ gesagt und den Satz auch so oft gehört. Heute glaube ich, dass es genau das Gegenteil ist, was wir tun dürfen. Ich habe viel zu lange gegen meinen Körper gekämpft, in dem, wie ich gelebt habe, und habe ihn über sehr deutliche Grenzen gepusht. Deshalb glaube ich, dass Krebs eher bedeutet, zu lernen, mit dem Körper zu sein und ihn zu achten, mit ihm zu kommunizieren, statt gegen ihn zu kämpfen.“
Auf LinkedIn (Nella Rausch) und auf Instagram (Zellenkarussell) findest du noch mehr unterschiedliche Einstellungen und Sichtweisen, wenn du magst.
Und wo bleibt das Recht auf Vergessen – „The right to be forgotten“?
Und dann gibt es da noch eine Ebene, über die viel zu selten gesprochen wird: die gesellschaftliche. Denn selbst wenn wir uns Survivor nennen, heißt das noch lange nicht, dass wir auch mit den „Krebs-Gesunden“ gleichgestellt sind.
Das sogenannte „Right to be forgotten“, also das Recht, nach einer bestimmten krebsfreien Zeit nicht dauerhaft benachteiligt zu werden, ist in Deutschland bislang nicht verbindlich geregelt. Und das, obwohl wir medizinisch längst weiter sind.
Denn nach einer gewissen Zeit nach der Heilung haben viele von uns statistisch wieder dieselben Chancen und Risiken wie Menschen, die nie an Krebs erkrankt sind. Genau darüber habe ich oft mit meinem Onkologen diskutiert. Am Anfang wollte ich ihm das ehrlich gesagt nicht glauben. Mir war jahrelang etwas ganz anderes erzählt worden: „Wenn du einmal Krebs hattest, kommt der immer wieder.“ „So ein Quatsch“, sagte er trocken. „Das hat damit schlicht nichts zu tun.“
Womit es stattdessen zu tun hat?
Mit Biologie. Mit Statistik. Mit dem jeweiligen Tumortyp, dem Stadium, den molekularen Eigenschaften und den Therapien, die angeschlagen haben oder eben nicht. Mit Wahrscheinlichkeiten. Auf jeden Fall nicht mit einem angeblichen „Krebs-Gedächtnis“ des Körpers.
Andere Länder haben diese Erkenntnis schon in Gesetze gegossen. Frankreich war der Vorreiter. Dort wurde das Droit à l’oubli im Rahmen der Gesetzgebung zur Modernisierung des Gesundheitssystems bereits im Januar 2016 verabschiedet. Danach dürfen Menschen, die länger als fünf Jahre krebsfrei sind, bei Versicherungen und Kreditverträgen ihre frühere Erkrankung nicht mehr angeben, auch wenn das früher einmal Teil der Risikobewertung war.
Nach dem französischen Modell haben weitere europäische Länder wie Belgien, die Niederlande, Portugal, Rumänien und Spanien vergleichbare Regelungen eingeführt. Hier erfährst du mehr dazu:
https://endingdiscrimination-cancersurvivors.eu/national-level/
Außerdem gibt es in einigen weiteren Ländern selbstregulatorische Vereinbarungen, Codes of Conduct oder Konventionen zwischen Regierung und Versicherungen, etwa in Luxemburg oder Irland. Auch wenn diese nicht so verbindlich sind wie ein Gesetz.
Und warum hinkt Deutschland hinterher? Was steht einer vergleichbaren Gesetzgebung im Wege?
Zum einen die Versicherungswirtschaft, die argumentiert, sie brauche medizinische Historien zur Risikobewertung – und das über lange Zeiträume hinaus. Zum anderen eine politische Zurückhaltung, weil gesetzliche Vorgaben als Eingriff in Marktprozesse gesehen werden. Und schließlich eine inkonsistente EU-Umsetzung, die es Deutschland erlaubt, lange Zeiträume offenzuhalten, bis verbindliche nationale Regeln verabschiedet werden.
Das Ergebnis? Viele Überlebende bekommen nach fünf, zehn oder sogar noch mehr Jahren noch immer offene Fragen, Ablehnungen oder Risikozuschläge, obwohl medizinisch längst anerkannt ist, dass ein früherer Krebs nach einer definierten Zeit keine statistisch erhöhte Gefahr mehr darstellen muss.
Einige Länder haben gezeigt, dass es anders geht. Andere, wie Deutschland, diskutieren noch. Eine Petition setzt sich hierzulande aktuell für die Einführung dieses Rechts ein und fordert, dass Menschen nach überstandener Krebserkrankung nicht dauerhaft diskriminiert werden:
https://www.recht-auf-vergessen.de/
Außerdem sehr interessant in diesem Zusammenhang: der Panorama-Beitrag vom 23.09.2025
Krebs, geheilt: lebenslang benachteiligt?
>>> 23.09.2025 ∙ Panorama 3 ∙ NDR
Deine Meinung ist gefragt:
Auch das gehört meiner Meinung nach zur „verflixten dritten Phase“.
Diese Mischung aus psychischen, physischen Nachwirkungen und gesellschaftlichen Hürden.
Fragen nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Teilhabe und Zukunft.
Und jetzt du.
Mich interessiert deine Perspektive:
- Wie erlebst du die BegriffeCancer Survivor und/oder Cancer Thriver?
In deiner Arbeit? In deinem Leben? - Kanntest du das „Recht auf Vergessen“ – und wie siehst du das Ganze?
Hinterlasse sehr gerne einen Kommentar.

