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„Alleinsam“ – Von den Auswirkungen der Einsamkeit

Krank sein macht einsam, Einsamkeit macht krank.

Auslöser für dieses Gespräch war eine Dokumentation, die ich mit großem Interesse verfolgt hatte. Es ging um vier Menschen unterschiedlichen Alters, die nicht mehr nur allein waren, sondern schlichtweg einsam. Ich greife mal zwei heraus.

Bei einem (64 Jahre) war der Partner, mit dem er vorher über dreißig Jahre alles geteilt hatte, verstorben. Kontakt zu anderen hatte beide nie. Sie waren einander genug gewesen.

Dann eine junge Frau (35 Jahre alt), Solo-Sängerin, sehr erfolgreich, aber nach jedem Auftritt allein zu Hause. Sie hatte nur die Kontakte auf Instagram und Co. Aber kaum im realen Leben.
Beide beschlossen etwas dagegen zu unternehmen. Der Zuschauer konnte sie dabei begleiten.

Es war schön zu sehen, wie beide langsam wieder am echten Leben teilnahmen.

Viele kranke Menschen kennen das auch. Ich habe es ebenfalls erlebt. Schwerwiegende Diagnosen zwingen dich, den Rückzug ins häusliche einzuschlagen. Du bist schwach, hast Schmerzen, die Mobilität ist eingeschränkt, die Kontakte werden weniger, die verlernst sogar an Gesprächen teilzunehmen.

Inzwischen klagen auch immer mehr junge Menschen über Einsamkeit. Corona hat dieses Thema aus der Tabuzone geholt. Immerhin das.

Vorher hat man vielleicht gedacht: Na ja, einsam sind andere. Aber während der Pandemie haben sich viele Menschen verletzlich und einsam gefühlt.

Auf der Suche nach einem Gesprächspartner kam mir unser hiesiger Pfarrer in den Sinn, Wenn sich jemand mit diesem Thema auskennt, dachte ich, dann sicher er.

Ich begrüße dich sehr herzlich, lieber Dr. Wolfgang Häfele und freue mich, dass du meiner Einladung gefolgt bist.
Wolfgang, ist seit 2017 Pfarrer in der Friedensgemeinde Grunewald am Fuße des Teufelsberges, wie er immer so schön sagt. Wir kennen uns seit dem Konfirmandenunterricht für unseren jüngste Sohn und habe uns über die Jahre etwas angefreundet.

Bevor wir ins Thema einsteigen, möchte ich von dir wissen, was dich bewogen hat Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden?



Hier der Link zur Audioversion: #18 – „Alleinsam“ – Ein Gespräch über Krankheit und Einsamkeit – Zellenkarussell


Das Gespräch und die Fragen

[03:07] – Wolfgang

Das ist eigentlich eine längere Geschichte. Nach dem Abitur gab es damals noch diesen Zivildienst, den man machen musste, und ich habe mich entschieden, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr zu machen und habe da in einem Verein gearbeitet, der sowohl Lobbyarbeit für ökologischen Landbau gemacht hat, Öffentlichkeitsarbeit und war umgeben von lauter Menschen, die gearbeitet haben, ohne genau für das qualifiziert zu sein, was sie da tun. Also da war eine Landschaftsplaner, ein Politikwissenschaftler usw..

Und dann dachte ich mir, wenn das so geht, dann studiere ich jetzt etwas, was mich wirklich interessiert. Und dann habe ich Theologie genommen, weil da Geschichte drin ist, da ist Ethik drin, Literatur und Philosophie. Das ist ein unglaublich breites Studium, würde ich bis heute sagen und empfehlen. Also wenn man irgendwas machen möchte, womit man in die Breite der Welt kommt, Theologie ist es.

Und habe dann eigentlich erst im Laufe des Studiums gemerkt, wir Theologen nennen das dann die Berufung, das ist unser Wort, dass das mein Weg ist.

Also Theologe werden und Pfarrer werden, Glauben teilen, mit anderen Menschen. Lernen, zuhören, selber Impulse geben. Also, dass das der Weg ist, den ich gehen will.

Wie hast du bisher Einsamkeit erlebt?

[04:16] – Nella

Ja, das fühlt sich gut an. Ich glaube, da bist du auch gut gelandet , dass kann ich zumindest bestätigen. Aus den Predigten und der Gemeindearbeit, die ich hier so erlebe.

Wie hast du denn selbst bisher Einsamkeit erlebt?

[04:30] – Wolfgang

Eigentlich in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Also auf der einen Seite nehme ich wahr, dass es Menschen gibt, die einsam sind, also die alt sind, die sich zu Hause zurückgezogen haben, die nicht wirklich am Leben teilhaben können, weil sie einfach nicht mobil genug sind.

Ich arbeite hier viel mit Jugendlichen zusammen, da nehme ich das immer wahr, nicht nur im Zusammenhang mit Corona. Dass es wirklich diese Phase des Ausprobierens ist, der Freundschaft. Corona hat das sehr beschränkt.

Die konnten wirklich nicht rausgehen und Andere treffen und naja, in gewisser Weise auch herausfinden, wer sie sind. Das ist ja die Phase des Lebens, wo man das selbst herausfindet.

Mobbing, Ausgrenzung, Sprachlosigkeit

Mobbingerfahrungen, ganz wichtig. Diese Erfahrung von Ausgrenzung, die schnell auch in eine Einsamkeit führt, auch in eine gewisse Sprachlosigkeit.

Wie kann ich mich denn eigentlich anderen Menschen gegenüber mitteilen? Und ich glaube bei Jugendlichen ja, ich würde nicht sagen, dass es vielleicht auch ausgeprägter ist als bei Erwachsenen. Aber, dass auf der einen Seite das Urteil der Anderen wichtiger ist und auf der anderen Seite die Worte noch stärker fehlen als später.

Ich würde auch nicht sagen, dass alle Menschen wirklich gut darin werden, auszudrücken, was sie im Innersten bewegt, aber in jedem Fall besser.

Verbündete für eine Sache suchen

Und das sind natürlich auch Erfahrungen, die ich selbst auch gemacht habe. Dass ich gemerkt habe, 0kay, hier fehlt mir eine Gruppe, in der ich mich gut aufgehoben fühle oder so etwas. Oder hier ist eine Idee, da finde ich keine Verbündeten oder auch nach Trennungserfahrungen oder als meine Großmutter gestorben ist, dass ich gemerkt habe, ich habe sie sehr geliebt, da fehlt jetzt was. Da ist eine Form von Verbundenheit weggebrochen und ich musste mich neu sortieren. Und es hat lange gedauert, bis das wieder gut wurde.

Wann geht das Allein sein in Einsamkeit über?

[06:19] – Nella

Und das ist dann so ein Gefühl, verlassen zu sein.

Es gibt ja derzeit mehr Singlehaushalte, mehr Alleinlebende als je zuvor. Wann ist denn für dich die Grenze vom Alleinsein überschritten? Also wann geht’s vom Alleinsein zum einsam sein, zur Einsamkeit?

[06:44] – Wolfgang

Ich glaube, das ist total individuell, ehrlich gesagt. Manche Menschen suchen sich das ja aus. Also sagen, das ist mein Lebensentwurf, ich möchte das jetzt gar nicht so.

In der kirchlichen Tradition gibt es ja sogar Mönche, die sich in die Wüste zurückziehen und da als Eremiten und Asketen leben. Die suchen das. Oder sie fahren im Urlaub gerne an Gegenden, wo gar keine anderen Menschen sind. Das ist dann der Inhalt.

Und ich glaube, der Moment, in dem Menschen anfangen, darunter zu leiden, ist, wenn sie sich das eben nicht selbst aussuchen. Also wenn sie einsam sind und das gar nicht sein wollen.

[07:21] – Nella

Ja, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Das stimmt. Dass man meinetwegen in die Wüste geht. Die suchen die Einsamkeit, um sich selbst zu entdecken.

[07:32] – Wolfgang

Ja oder Kloster auf Zeit oder Yoga Retreats, das ist ja voll im Geist der Zeit. Auch schwierige Exerzitien wo Leute tagelang nicht reden, das Handy zu Hause lassen. Das ist ja selbstgewählte Einsamkeit, die aber auch zumindest denen gut tut, oder jedenfalls hoffen sie, dass ihnen das gut tut.

[07:53] – Nella

Für mich wäre das nix. Wie ist es denn bei dir, könntest du das?

[08:01] – Wolfgang

Weiß ich noch nicht. Ich bin da mehrmals drauf gestoßen worden, auf das Thema und es hat eine gewisse Attraktivität, aber ich habe mich noch nicht angemeldet.

Machen uns unsere hohen Erwartungen einsam?

[08:13] – Nella

Also die Attraktivität, die suche ich für mich noch (lacht).
Ja, du, ich habe jetzt hier auf meinem Kärtchen folgendes stehen:

Der Fokus unserer Gesellschaft liegt meines Erachtens auf dem Erfolg. Beruflich mindestens, aber am besten auch beides. Also auch gleich privat.

Könnte Einsamkeit auch das Resultat von der eigenen Unzufriedenheit mit sich selbst oder bestehenden Beziehungen sein? Oder kurz gesagt: Machen uns unsere hohen Erwartungen einsam?

[08:45] – Wolfgang

Ja, ich glaube, der Druck ist schon ziemlich hoch. Also ich meine, das ist ja ein bisschen die Kehrseite dessen, dass wir unendlich viel Wahlmöglichkeiten haben und alles selbst machen können und irgendwie auch müssen.

Und in dem Moment, wo ich selbst für mein eigenes Leben total verantwortlich bin, ist natürlich auch die Fallhöhe extrem hoch. Das kann dann auch schnell schiefgehen. Und manchmal liegt es daran, dass der Plan nicht gut ist, manchmal liegt es aber auch daran, dass Begleitumstände, plötzliche Krankheit, Verlust von Arbeitsplatz, Trennung. Also diese Sachen, die man nicht unbedingt in der Hand hat, dazwischenkommen.

Und ich glaube, dann wird es eigentlich erst spannend. Also wie schafft man es dann eigentlich weiterzumachen? Ich weiß gar nicht, ob die hohen Erwartungen das sind, was einen einsam macht, aber es macht einen auf jeden Fall ärmer.

Weil ich glaube, Leben eigentlich erst dann beginnt, wenn man merkt, oder was heißt erst dann beginnt. Ich glaube, das eigentliche Leben ist schon dieses Manövrieren mit den Unwägbarkeiten, dass eben nicht alles so aussieht wie auf Instagram.

Also nicht alles „shining bright“ ist, sondern eben seine Höhen und Tiefen hat, mit denen wir auch umgehen müssen. Und oft gelingt uns das auch ganz gut, glaube ich.

Also auch mir gelingt das ganz gut und manchmal eben halt auch nicht. Das ist dann häufig wirklich schwer.

Ich glaube, Alleinsein, Einsamkeit, das ist sicher auch so eine dieser schweren Sachen. Ich glaube, viele Menschen suchen sich das wirklich nicht aus, allein zu sein. Sie hängen auch an einer Vorstellung fest, dass sie eigentlich gerne in einer glücklichen Familie leben würden, eingebunden sein würden und leiden darunter, dass das eben nicht klappt.

Ist das Einsamkeitsgefühl ansteckend?

[10:33] – Nella

Ich habe jetzt schon öfter gelesen, dass Einsamkeit auch krank machen kann und was ich völlig verrückt fand, dass Einsamkeit, also dieses Gefühl ansteckend ist. Da war ich völlig baff. Kannst du dir das vorstellen, dass Einsamkeit, also hochgezogenen Schultern, völlig in sich versunken sein, dass das auch was mit dem Gegenüber macht?

[10:58] – Wolfgang

Ja, ich kenne das so von Freunden, die lange alleine gelebt haben, dass sie so ein bisschen kauzig werden, Marotten entwickeln, die sie nicht haben würden, wenn andere Leute um sie herum sind.

Und ich glaube, dass dieses Leben, an dem sie dann nicht teilhaben, auch Spuren hinterlässt, gerade weil das Leben fehlt.

Nella: Aber es springt nicht zu dir über, oder?

Wolfgang:
Nee, aber es wundert mich manchmal. Oder ich denke mir: „Aha, habe ich so was auch?“, und entdecke das manchmal auch an mir selbst. Insofern weiß ich jetzt nicht, ob es unbedingt die Einsamkeit ist. Aber ja, diese Zurückgezogenheit, das strahlt manchmal schon aus, das würde ich auch sagen.

„Corona ist für junge Menschen eine Katastrophe“

[11:52] – Nella

Junge Menschen leiden derzeit sehr unter den Verhaltensregeln, auch dem Homeschooling. Das haben wir alles erlebt. Das merkst du auch in der Gemeinde, das hast du schon erzählt.

[12:03] – Wolfgang

Auf jeden Fall. Corona ist für Jugendliche einfach eine Katastrophe gewesen. Kann man gar nicht anders sagen. Und ich glaube, du hast jetzt Homeschooling gesagt, das ist schon so das erste, was ich immer wieder wahrnehme, dass es eigentlich nur um Schule geht. Also dürfen sie jetzt in die Schule oder nicht?

Als wenn das sozusagen das Leben wäre und als wenn das Party machen, was ihnen angeblich verboten wird oder tatsächlich auch verboten war, lange Zeit, die einzige Sorge ist.

Es gibt ja noch viele andere Bereiche. Eben einfach nur Freunde treffen oder sich ehrenamtlich engagieren oder so was. Was ja auch alles unter Corona leidet.

[12:39] – Nella

Das ist ja vielleicht auch genau das, was ich gerade gesagt habe, dass die Gesellschaft so auf Erfolg ausgerichtet ist und dass deswegen die Schule auch so einen hohen Stellenwert hat, dass man funktioniert.

Wolfgang:
Und alle anderen Bereiche fehlen. Also Sport oder so, dass diese Felder nicht so eine große Rolle spielen.

Kommen ältere Menschen leichter mit dem Alleinsein klar?

[12:58] – Nella

Meinst du denn das im Vergleich älterer Menschen leichter mit dem Alleinsein klarkommen?

[00:12:41.560] – Wolfgang

Also ich glaube, die besondere Herausforderung der Jugend ist herauszufinden, wer sie sind, so dass ist die Aufgabe der Jugendlichen in diesem Alter, ab 12 bis vielleicht Anfang 20. Und da ist es ganz entscheidend, dass das mit Menschen passiert, mit ihren Peers, ihren Freunden und die wollen dann auch nicht unbedingt mit den Eltern rumhängen und brauchen ihresgleichen.

Und ich glaube, je älter man wird, umso weniger entscheidend wird das. Das merke ich auch an mir selbst, dass dieses sich messen oder gucken, wie machen es die anderen oder so, dass das an Bedeutung verliert. Dass ich jetzt im Vergleich zu vor 15 Jahren meinen Ort gefunden habe im Leben und denke auch hier stehe ich und das haut mich jetzt auch nicht mehr so leicht weg, wenn irgendwas kommt.

Aber dieses Drama der Jugend hat irgendwie auch seine Reize. Das muss ich auch sagen. Dieses dramatische, intensive Erleben, das ist natürlich auch so seine Sache, die fehlt dann einfach.

Dafür kann ich jetzt besser mit mir alleine sein.

[14:07] – Nella

Das hatte ich vorgestern übrigens.

Es war so lustig, da habe ich eine Pizza gegessen. Nichts Weltbewegendes. Und da waren zwei Freundinnen, die sehr aufgeregt miteinander sprachen: „Und dann hat er gesagt Und dann stell dir mal vor … und dann habe ich gesehen, dass er … und dann ist da so eine Nastja … und so weiter.“

Ehrlich gesagt, war ich froh, dass ich da raus bin. Aber es war auch irgendwie cool und das ging mit einer Intensität, das war unglaublich.

Wolfgang: Ein tolles Alter.

Kommt Weihnachten die Einsamkeit stärker zum Vorschein als sonst im Jahr?

[14:42] – Nella

Jetzt wird es ein bisschen ernster. Als ich einmal vor Weihnachten als Notfall in einer Klinik eingeliefert wurde, standen im Flur viele Betten mit alten Menschen. Und dann habe ich die Schwester gefragt, ob meine Einschätzung richtig sei und wenn ja, woran das denn liegt? Und dann sagte die Schwester Ja, das liegt daran, dass die, dass die alten Menschen nicht gerne allein sind über Weihnachten. Und da lassen sie sich lieber ins Krankenhaus einliefern. Da haben sie Essen und Gesellschaft. Da war ich völlig entsetzt. Ich wusste das nicht, dass das so ist.

Kennst du das? Oder merkst du, dass Weihnachten, sagen wir mal so, dass man da die Einsamkeit des einen oder anderen mehr merkt?

[15:27] – Wolfgang

Dass das so ist, das wusste ich es nicht. Dass das dann die Einweisungszahlen im Krankenhaus steigen, das wusste ich nicht, dass das so ist. Aber ich finde es auch nicht absurd.

Also das merke ich schon, dass gerade diese Festtage, wo wir so ein Bild haben und wie das auch ablaufen soll mit Familie und allem Drum und Dran, dass das bei ganz vielen ganz entscheidend ist.

Ich weiß nicht, vielleicht erinnerst du dich noch an die Edeka Werbung vor ein paar Jahren, wo dieser Papa seinen eigenen Tod inszeniert oder der Opa, dass die Familie jetzt mal anreist?
Ich glaube schon, dass das, so ist. Und wir versuchen dann an Weihnachten zum Beispiel auch Gottesdienste in Pflegeheimen zu feiern. Einfach, dass da auch klar ist, dass es für die Leute, die dort wohnen, wichtig ist, aber auch, dass wir für uns selbst merken, okay, wir als Gemeinde sind da und versuchen auch etwas zu geben, etwas zu teilen von dieser Weihnachtsfreude.

Wir kriegen das hier mit, wenn die Leute dann zu Weihnachten kommen, das Zusammensein wirklich was ganz, ganz wichtiges ist. Und trotzdem bleiben viele Leute zu Hause und da weiß ich nicht, was du ihnen in dem Moment Gutes tun könntest.

[16:30] – Nella

Können Rituale gegen die Einsamkeit helfen?

[16:37] – Wolfgang

Ja, glaube ich schon, weil du dich eingebunden fühlst. Rituale sind ja, zumindest die Rituale, die wir hier in der Kirche feiern oder begehen, sind ja Rituale, die alle teilen.

Vielleicht ist dir das schon aufgefallen, die Glocken läuten im Gottesdienst einmal bei dem Vaterunser und alle Leute, die das wissen und im Umfeld leben, sagen sich: „Okay, jetzt wird das Vaterunser gebetet.“ und können mitmachen. Das ist so ein Ritual. Das kriege ich auch gerade von älteren Menschen mit, die mir dann sagen: „Ach, es ist sehr schön, dass die Glocken an der Stelle läuten. Ich weiß, ich bin jetzt Teil der Gemeinde, obwohl ich gar nicht da bin.“

Beten ist glaube ich wirklich auch gut gegen Einsamkeit. Dieses Gefühl, verbunden zu sein mit Gott und für andere beten zu können. Und selbst wenn man gar nichts anderes mehr kann, das kann man immer noch. So kann man immer noch beitragen. Das ist vielen Menschen auch sehr wichtig. Also ich glaube, das ist wirklich gut gegen Einsamkeit.

[17:34] – Nella

Ja, das beobachte ich auch immer. So oft bin ich ja jetzt nicht im Gottesdienst (hüstel, hüstel), aber beim Vaterunser merkt man förmlich, wie die Gemeinde zusammengerückt. Dass kennen alle, sie wissen, wie der Text geht. Das ist wie ein Lagerfeuergefühl.

Droht uns derzeit die Kontaktkompetenz abhanden zu kommen?

[17:55] – Nella

Wir hatten es ja vorhin mit den jungen Leuten. Da sind wir auf das Homeschooling eingegangen. Aber das „Social Distancing“, das ist ja auch so was und da haben wir beide festgestellt, dass wir das fast viel schlimmer finden. Ja und da habe ich überlegt, droht uns derzeit die Kontaktkompetenz abhanden zu kommen?

[18:15] – Wolfgang

Das ist eine gute Frage. Also ich finde den Begriff ja total blöd. Erst einmal und nach diesem ersten Moment, wo alle im Rückblick, so hatte ich das Gefühl, zwischen Angst und Erleichterung waren, das man jetzt auch mal ein paar Termine weniger hat und so.
Dann hatte ich schon auch den Eindruck, dass alle irgendwie Wege gefunden haben. Die sind dann stundenlang spazieren gegangen oder haben telefoniert.

Bei den Jugendlichen war es dann so, dass sie visuelle Apps hatten, mit denen sie zusammen Filme gucken konnten. Das fand ich total witzig, oder „Televine“, da hat man einfach virtuell zusammen gesessen und ein Glas Wein getrunken oder so. Also dass da eine ganze Reihe Leute auch ganz gute Möglichkeiten gefunden haben.

Aber was ich zum Beispiel überlege ist, ich weiß nicht, ob Händeschütteln oder sowas so richtig wieder in Mode kommt.
Also, wenn diese ganze Angelegenheit mit Corona vorbei ist oder auch beim Thema Umarmen oder so. Also ich meine, das geht ja jetzt nicht, außer man macht mal eine Ausnahme mit besonders nahestehenden Menschen. Ich weiß nicht, ob das wiederkommt. Oder dass manche Menschen eher wahrgenommen haben, nee, das ist auch ganz gut (ohne Umarmung), um einen weiteren Raum zu haben und den zu genießen.

Ich bin sehr gespannt auf die erste Party, die wir feiern werden. Ob das völlig Smalltalk frei abgeht, weil niemand mehr weiß, wie das geht.

Das müssen wir erst mal herausfinden, das wissen wir nicht. Aber ganz generell gehöre ich nicht zu den Menschen, die sagen würden, Corona verändert alles dauerhaft. Also ich könnte mir schon vorstellen, dass vieles auch wieder zurückgeht, zurückkommt.

[19:58] – Nella

Wir müssen es nur wieder lernen. Also ich kann wirklich sagen, als ich so krank war und wenig Kontakt hatte, da hatte ich echte Probleme wieder an Gesprächen teilzunehmen. Ich musste das wirklich lernen und ich bin jetzt nicht gerade auf den Mund gefallen. Aber gerade, wenn es mehrere (Menschen) waren. Auch meine Schlagfertigkeit, die musste ich wieder trainieren. Das hätte ich nie für möglich gehalten.

[20:22] – Wolfgang

Und ich glaube, es relativiert auch was. Also wenn du so eine Erfahrung machst und auch diese Corona-Erfahrung, das relativiert einfach, wie du in solche Situationen reingehst und wie kostbar das ist und wie kostbar halt auch nicht.

Händeschütteln und Umarmungen

[20:36] – Nella

Ich hatte ja mit Frau Dr. Yael Adler (Dermatologin und Bestsellerautorin) ein Interview (#11 Nellas Neuaufnahme „Du hörst mir einfach nicht zu.“ Oder was läuft schief in der Arzt-Patienten-Kommunikation.) und habe mit ihr auch über das Händeschütteln gesprochen.
Und sie sagte, für sie als Ärztin ist das Händeschütteln ganz, ganz wichtig als Kontakt, weil sie daraus schon sehr viel lesen kann. Zum Beispiel: ist der Patient aufgeregt, hat er schweißnasse Hände. Das kann man sogar dermatologisch bewerten. Da steckt so viel drin in so einem Händedruck.

Und ich weiß auch, dass man mein Großvater mich immer aufgefordert hat, ordentlich die Hand zu geben und nicht so lasch. Er sagte: Daran erkennst du den Charakter eines Menschen. Seitdem achte ich da drauf, das hat er mir schon ganz früh beigebracht. Und deswegen finde ich ist Händeschütteln ein ganz wichtiges Tool, um jemanden nonverbal nahe zu kommen. Deswegen fände ich das durchaus schade, wenn das verloren geht. Also da bin ich ganz bei Yael Adler.

Das und das Umarmen. Das ist glaube ich aber auch eine Typ-Frage. Ich umarme sehr gerne. Mir fehlt das auch und ich glaube auch, dass es zum Beispiel für Schauspieler fürchterlich ist, dieses Körperliche nicht mehr so zu haben. Die meisten sind dann doch eher extrovertiert und lieben es auch. Also ich würde mich schon eher dafür entscheiden. Wer das für sich anders bewertet und nicht mehr machen möchte. Auch gut.

[021:59] – Wolfgang

An Weihnachten nach tausend geschüttelten Händen, da taten mir dann schon die Hände weh. Ich war dann auch ganz froh, dass das nicht so war. Aber das mit den Umarmungen, da bin ich ganz bei dir. Also ja, das fehlt.

[22:10] – Nella

Man sagt ja auch, dass es im Arzt Patienten Gespräch, ganz wichtig ist, wenn der Arzt nur die Hand auf den Unterarm legt, dass das schon eine unheimlich beruhigende Wirkung hat. Wenn man das weglässt, glaube ich, da tut man sich keinen Gefallen. Berührung ist so wichtig.

„Der gemeinsam geteilte Alltag verbindet.“

[22:31] – Nella

Ja, ich habe hier auch noch stehen, das passt auch gut da rein, dass es vielleicht derzeit schwieriger ist, Freundschaften zu pflegen. Ich merke das selbst auch, also dass man sich so ein bisschen voneinander entfernt, auch ohne „Social Distancing“. Das passiert einfach so, man ist viel mehr in seiner eigenen Blase.

[22:53] – Wolfgang

Ich glaube dieser gemeinsam geteilte Alltag fehlt halt. Also dass man jetzt eben kein gemeinsames Erlebnis hat, über das man dann auch sprechen kann oder sowas.

[23:04] – Nella

Der Flurfunk in Firmen, in Büros ist ganz, ganz wichtig. Auf einmal ist der weg. Kaffee trinken in der kleinen Küche zum Beispiel, da passiert ja oft ganz viel. Dieser Austausch ist auf einmal gar nicht mehr da.

[23:20] – Wolfgang

Ja, und dann sind ja viele auch am Schwimmen. Das merke ich auch an mir. Wie kriege ich meinen Alltag organisiert. Also auch wenn es jetzt nicht mehr so schlimm ist wie früher, in Anführungsstrichen. Und dann ist es ja auch so, dass man denkt: „Okay, es ist vorbei.“ und dann kommt das nächste Problem, also Omikron. Das jetzt so ein großes Thema ist. Jetzt auch für mich selbst, für Geimpfte. Irgendwie ist man nicht mehr ganz sicher.

Ich meine, das Risiko ist zwar nicht so hoch, wie wenn man nicht geimpft ist, aber trotzdem ist ein Risiko da. Das macht auch was. Also dieses Gefühl. Okay, der andere ist jetzt im Zweifel auch eine Bedrohung. Also das ist schon komisch.

Die Bedeutung der Rituale

[23:59] – Nella

Also da habe ich selbst auch an mir gemerkt, jetzt mal ohne Pandemie, als ich eben so krank war und zu Hause, habe ich mir ganz schnell das Rituale helfen können und mir einige angewöhnt. Deswegen nochmals der Hinweis auf dieses Thema, das schließt ja auch an das, was wir vorhin gesagt haben.

Da hat man eben die großen Rituale, sag ich jetzt mal so wie Feiertage, aber es gibt auch die kleinen Rituale, die man für sie schaffen kann und die geben dir Rahmen und die geben dir Sicherheit.

Ich bin eigentlich gar kein Freund von Ritualen gewesen, noch nie. Ich bin ein sehr spontaner Mensch und da habe ich (in dieser Zeit) gemerkt, dass das sehr, sehr beruhigend ist. Also das kann ich wirklich jedem sagen, der sich da so ein bisschen verloren fühlt. Rituale ins Leben einzupassen ist gut, es müssen ja nicht viele sein, damit erreicht man schon eine Menge. (Kleine Leseempfehlung an dieser Stelle: Routinen sind Helfer in der Not. – Zellenkarussell)


[24:50] – Nella

Wo finde ich denn Menschen, wenn ich einsam bin? Oder gibt es ein Konzept gegen Einsamkeit?

Was meinst du? Wo sollte ich hingehen? Natürlich die Kirche (schmunzelt), da kann man jetzt aber nicht so gut hin.

[25:02] – Wolfgang

Ich kann dir sagen, wie ich es machen würde. Also ein guter Ansatzpunkt wäre, mich zu fragen, was mache ich gerne.
Also worauf habe ich Lust? Und eine Aktivität suchen, die dazu passt. Ich persönlich koche gerne, also gehe ich vielleicht mal zu einem Kochkurs und treffe Leute, die auch Interesse daran haben. Das wäre so mein Ansatzpunkt.

[25:30] – Nella

Ja, da muss ich gerade mal gucken. Ich habe nämlich hier auf meinen wunderbaren Kärtchen etwas stehen, das ist zwar weiter hinten dran, aber ich glaube, das passt hier ganz gut.
Da haben Wissenschaftler tatsächlich ein Konzept gegen Einsamkeit entwickelt. Ja, ich war auch ganz platt, kein Quatsch.

EASE heißt das. Der Kern ist, aktiv zu werden. Das ist der Schlüssel.

E steht für Erweiterung des Aktionsradius.
A steht für Aktivität.
S steht für das Selektieren von Kontakten. Also wer tut mir gut?
Und E steht für, das fand ich sehr lustig: Erwarten Sie das Beste.

Also da haben sich Wissenschaftler wirklich etwas überlegt. Welche Konzepte gibt es gegen die Einsamkeit? Es gibt ja ganz verrückte Studien, aber die haben dieses Konzept entwickelt und wahrscheinlich auch geprüft. Das fand ich sehr interessant. Also das mit diesem aktiv werden und rausgehen und überlegen was gefällt mir, wo sind meine Interessen.

[26:39] – Wolfgang

Aber ich glaube, es funktioniert halt auch nur für einen bestimmten Schlag Mensch. Allein dieser letzte Punkt: erwarten Sie das Beste, da muss man auch ein bisschen der Typ dafür sein.
Auch bei der Aufforderung: werden sie aktiv. Das muss man auch können.

Also das muss möglich sein. Ich muss die Möglichkeiten haben, die Ressourcen, ich muss auf die Idee kommen und ich muss es dann halt auch irgendwie machen, in der Hoffnung, dass da auch was Gutes dabei rauskommt. Also ich finde das toll. Ist aber auch nicht so ganz „unanspruchsvoll“.

[27:02] – Nella

Ja, ich hatte auch diese Gedanken. Wie du sagst, man muss der Typ dafür sein. Und dann den Entschluss fassen, etwas zu ändern ist, glaube ich schon die halbe Miete eingefahren und dann kann es wirklich zur Veränderung kommen, wenn du das denn möchtest, natürlich.

[27:12] – Wolfgang

Na und mach das mal, wenn dann drei Fehlschläge da waren. Dann gehst du zum Sportkurs und da ist niemand. Beim nächsten Mal oder beim nächsten Kurs macht dich jemand blöd an. Dann gehst du in die Bar und niemand redet mit dir oder so. Na machst du es dann noch ein viertes Mal? Das ist, glaube ich wirklich nicht so einfach.

Hat denn Corona neue Konzepte gegen die Einsamkeit entstehen lassen?

[27:32] – Nella

Ja, das ist es in der Tat. Also ich habe auch überlegt, hat den Corona eigentlich neue Konzepte entstehen lassen, dass es vielleicht auch mehr Hotlines gibt? Also so was gibt’s ja auch, wo Menschen anrufen können, wenn sie alleine sind oder auch Interessengemeinschaften. Oder da gibt es ja auch diese Nachbarschaftshilfen, die auch schon vorher da waren. Die wurden jetzt wahrscheinlich auch viel mehr in Anspruch genommen. Habt ihr euch da auch was überlegt, in deiner Gemeinde oder die Kirche? Gab es da neue Ansätze?

[28:03] – Wolfgang

In einer Hinsicht auf jeden Fall, die ganze Digitalisierungsthematik, dass da jetzt auch Ältere wirklich zum ersten Mal wirklich mitgedacht wurden, dass man gemerkt hat: Okay, das ist jetzt auch ein Mittel, um mit älteren Menschen in Kontakt zu bleiben.

Also warum nicht auch als Familie einen Zoom-Anruf machen oder sowas. Diese ganze Nachbarschaftshilfe, das haben wir als Gemeinde ganz schnell gemacht. Also dass wir gesagt haben, ich glaube, das war so eine Woche, eins oder zwei, dass wir eine Form von Nachbarschaftshilfe auf die Beine gestellt haben, wo man dann anrufen konnte und sagen konnte Ich brauch bei der und der Aufgabe Hilfe und wir haben dann Hilfe vermittelt. Wir haben aber auch sehr schnell gemerkt, das Angebot ist enorm. Es gab viele Menschen, die gesagt haben, ich möchte gerne helfen, aber es wurde kaum nachgefragt. Es haben wirklich wenig Leute angerufen und gesagt ich brauche hier und da Unterstützung. Was ja irgendwie zeigt auch, dass diese Netzwerke funktionieren.

Möglicherweise haben die Leute auch nicht von dieser Hotline erfahren oder die Schwelle war zu hoch, aber meine Interpretation war schon, dass diese Netzwerke auch ganz gut funktionieren.

Unsere Konfis haben beim Nachbarn dann auch beim Einkaufen geholfen und haben dafür Unterschriften gesammelt, die sie eben als Gemeindepraktikum zusammensammeln müssen. Und wir hatten früher immer Besuche zu Geburtstagen gemacht und hatten das dann aus unterschiedlichen Gründen auch schon eingestellt oder waren dabei dieses Projekt zu beenden. Stattdessen haben wir es dann neu gestartet. Aber diesmal mit Telefonanrufen. Also dass man eben Leute angerufen hat und verabredet hat, gefragt hat wie geht’s und so und das haben viele Menschen wirklich sehr, sehr dankbar aufgenommen.

Ist aber auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich glaube, die Leute, die du auf die Weise noch erreichst, mit denen hast du ja schon Kontakt. Die Leute, um die ich mir Gedanken mache und ich frage Na ja, was kann man denn machen, sind wirklich Menschen, die wirklich einsam sind und schon zu Hause sind und gar nicht mehr unbedingt aus ihrer Sphäre hinauskommen. Die Frage ist, wie erreichst du sie eigentlich?

[30:36] – Nella

Ja, das Problem ist, glaube ich auch, dass man sich schwer tut damit, Hilfe anzunehmen, ganz grundsätzlich.

Wolfgang: Gerade in der Generation, die ihr Leben lang alles selbst machen mussten.

[30:34] – Nella

Und da so einen Perspektivwechsel, wie es immer so schön heißt, hinzukriegen, das ist glaube ich unheimlich schwierig und dann Anschluss zu bekommen oder den Kontakt aufzunehmen. Ich glaube auch da kommen viele irgendwann an ihre Grenzen.

Was bedeutet soziale Teilhabe für dich?

[30:58] – Nella

Armut, Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit sind ebenfalls große Ursachen für Einsamkeit. Weniger Einkommen, weniger Selbstwertgefühl.

Was bedeutet soziale Teilhabe denn für dich?

[31:10] – Wolfgang

Gut, wir leben jetzt hier natürlich in so einem Stadtteil, in dem eigentlich eher wohlhabende Menschen leben. Armut gibt es auch hier, also dass Menschen an Angeboten nicht teilhaben können und so. Aber ich glaube in anderen Stadtteilen ist das wesentlich ausgeprägter als jetzt hier im Westend (Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf).

Und ich glaube, soziale Teilhabe ist die Möglichkeit mitzumachen. Dass zum Beispiel Geld keine Hürde ist, dass du an der Aktivität teilhaben kannst oder dass du mit deinem Freundeskreis irgendwas unternehmen kannst.

Und ich glaube auch, dass da so ein aufeinander achten wichtig ist. Also das, wenn du schon merkst, es können sich nicht alle Leute leisten, in das Restaurant zu gehen, das du dann halt was anderes machst oder man mal einlädt und der andere dann aber auch die Möglichkeit haben sollte, das auf seine Weise zurückgeben zu können. Dass es in so einer Beziehung nicht so Ungleichgewicht und ein Herausdrängen entsteht. Das ist jetzt die individuelle Ebene.

Aber gesellschaftlich ist das wirklich eine sehr schwierige Frage, wie wir das gut hinkriegen.

Das fängt bei Bildung an. Das fängt bei der Frage an, wie Betreuungsmöglichkeiten organisiert sind, wie sich Menschen fortbilden können, dass sie auch in einem anderen Beruf weiterarbeiten können, wenn sie in ihrem eigentlichen Beruf nicht weiterarbeiten können.

Ich glaube, das ist eine relativ komplexe Frage, wie das geht, wie das gut gelingen kann.

[32:40] – Nella

Ich hoffe ja, dass Corona auch etwas Gutes bewirkt hat. Es ist natürlich fürchterlich, ganz klar, aber es hat auch sehr viel verändert, in der ganzen Denkweise.

Ich habe das erlebt bei meinem Sohn Caspar in der Schule, dass der Senat Berlin Nachhilfeunterricht organisiert hat. Das heißt, die Schüler oder die Eltern mussten dafür nichts bezahlen. Das wurde einfach angeboten. Die Lehrerin, hat dann gesagt du, du, du hast zum Beispiel Nachholbedarf in Englisch. Kein Wunder, Englisch muss man ja sprechen, mit Homeschooling war da relativ wenig zu machen. Präsenz ist bei Sprachen schon sehr wichtig. Und sie hat dann festgelegt, dass die ganze Klasse in die „Nachhilfe“ geht, das fand ich enorm.

Also dass der Senat dann von sich aus initiativ geworden ist und das ist für mich ein Paradebeispiel für soziale Teilhabe. Da entscheidet nicht das Portemonnaie. Die Gründe dafür, dass man was tun muss, liegen auf der Hand.

Ist Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem?

[33:39] – Nella

In Großbritannien gibt es seit 2018 ein Ministerium gegen Einsamkeit. Die britische Premierministerin, damals Theresa May, sagte Einsamkeit ist traurige Realität des modernen Lebens. Ist Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem?

[34:02] – Wolfgang

Ja, würde ich schon sagen. Weil es sich auch ganz massiv auf Lebensglück auswirkt, also wie glücklich Menschen sind in einem Land und ich glaube schon, dass das Glück auch eine Kategorie ist, die entscheidend sein sollte.

Also nicht nur, dass Menschen satt sind und genug Geld zum Leben haben, sondern auch gut leben können. Und insofern würde ich sagen ja, Einsamkeit ist ein echtes Problem, vor allem individuell. Also wenn man einsam ist und das nicht sein möchte,

[34:28] – Nella

Brauchen wir auch ein Ministerium gegen Einsamkeit, wie die Briten?

[34:32] – Wolfgang

Es schadet auf jeden Fall nicht. Wie man das dann im Einzelnen organisiert, muss man sehen. Der Titel ist auf jeden Fall toll. Ich bin Minister gegen Einsamkeit.

[34:43] – Nella

Ja, super, das hört sich gut an. Wir bewerben uns hiermit offiziell dafür. Mal sehen, ob das jemand hört.

Resonanzen und Beziehungen

Wir haben ja gerade über das Thema Resonanz gesprochen. Ich habe mal irgendwo gelesen Glück ist die höchste Form der Resonanz. Ja und Einsamkeit ist das Fernbleiben von Glück. Und jetzt hast du mir vorhin auch ein Buchtitel gezeigt, der genau das als Titel hat „Resonanz“. Von wem ist das und was passiert da in dem Buch?

[35:22] – Wolfgang

Das ist ein Buch von Hartmut Rosa mit dem Titel „Resonanz“. Ich habe es immer noch nicht ganz fertiggelesen, aber lese es mit großem Glück und großer Freude. Ich finde das wirklich schön.

Er macht eine Soziologie der Weltbeziehungen auf und dieser Resonanzbegriff, der steht im Zentrum. Und das, ich weiß nicht, ob er das selbst so schreiben würde, aber seiner Ansicht nach ist es schon das Ziel unseres Lebens, das wir gerne in Beziehungen in klingenden Beziehungen leben wollen. Dass wir erleben wollen, dass wir eingebunden sind in Netzwerke, die tragen.

Na ja, vielleicht wirklich in diesem Bild der Musik bleibend, ein Wohlklang um uns herum entsteht. Dass wir in so einem klingenden Klangkörper sind.

Nella: Ein kollektives Ohm!

Wolfgang: Ja in gewisser Weise ja. Also er würde uns wahrscheinlich umbringen, wenn wir das so sagen.

Nella: Wir sagen es ihm nicht weiter.

[35:24] – Wolfgang

Aber er sagt eben auch, dass das oft nicht funktioniert. Durch Beschleunigung, durch fehlenden Kontakt zur Welt, in der wir eben nicht stehen, wie wir sein könnten oder in dem wir nicht stehen, wie wir stehen könnten.
Dass es eben doch diese beiden Seiten gibt. Resonanz und auch einen Un-Klang oder Disharmonien, um in diesem Bild der Musik zu bleiben.

„Allein“ – ein Buch über das Alleinsein und die Einsamkeit

[36:50] – Nella

Ja, also ich werde es mir auf jeden Fall einmal anschauen, vielleicht sogar lesen. Unglaublich. Du hast ja noch zwei Bücher dabei.

[36:59] – Wolfgang

Ja, ich habe noch zwei Bücher dabei. Also das zweite Buch ist von Daniel Schreiber. Das heißt „Allein“, das habe ich mir gekauft, als du gefragt hast, ob ich zu Gast sein soll in deinem Podcast und habe es in der Buchhandlung gefunden.

Er hat einen Essay geschrieben über das Alleinsein, in dem er auch die Coruna-Situationen reflektiert und uns mitnimmt auf diesem Weg durch die Einsamkeit, durch das Alleinsein, durch dieses Erleben der Corona-Situation.

Ein sehr persönliches Buch, das ich wirklich empfehlen kann. Und ich habe auch drei, vier Gedanken mitgenommen, die ich wirklich spannend fand. Also ein Gedanke ist, es ist ja kein Roman, also kann ich spoilern: Gegen Ende des Buches macht er eben tatsächlich noch mal die Frage auf, was ist denn eigentlich, wenn es nicht klappt? Wenn diese Vorstellung, die wir ja alle im Leben haben, von einem gelingenden Leben, wenn das nicht aufgeht. Wie geht es dann weiter?

Mit dieser offenen Frage endet das Buch auch. Wie geht es damit weiter? Wie leben wir trotzdem? Oder wie gelingt es gerade dann auch gut zu leben, wenn es eben nicht klappt mit dieser Wunschvorstellung?

Antonius, der Mönch und „einsame“ Dämonen

[38:20] – Wolfgang

Und dann habe ich noch ein drittes Buch mitgebracht: „Antonio, der erste Mönch“ von Peter Gmeinhard. Das ist ein Wüstenpater, der sich freiwillig in die Wüste zurückgezogen hat und da jahrelang, jahrzehntelang gelebt hat, ganz alleine und mit seinen Dämonen gekämpft hat, die ihn immer wieder herausgefordert haben.

So wird das in dieser Antonios Vita erzählt. Und das ist seit biblischen Zeiten ein Bild, das die Einsamkeit, eben auch die Zeit der Anfechtung ist. Die Zeit, in der wir unseren Dämonen, so sagt es Antonius, also unseren Dingen, die uns das Leben auch manchmal schwer machen, immer wieder ausgesetzt sind, in ganz besonderer Weise.

[39:09] – Nella

Ja, das ist in der Tat so. Viele haben ja auch gesagt, jetzt ist auch mal gut mit dem Alleinsein in Corona oder mit der fehlenden Präsenz, auch am Arbeitsplatz. Ich kenne mich jetzt ganz gut selber, es reicht.

Manche haben vielleicht auch ein bisschen was entdeckt, was sie nicht sehen wollten.


Sich selbst mal fragen, wann bin ich einsam und – darüber sprechen


[39:29] – Wolfgang

Ja, und ich glaube, dass was mich jetzt an diesem Podcast, an dieser Folge auch sehr angeregt hat und auch an der Vorbereitung dazu ist, über Einsamkeit nachzudenken.
Diese Fragen: Wo bin ich denn eigentlich einsam? Wann bin ich einsam, wann war ich einsam? Und vielleicht auch mal mit anderen darüber zu sprechen.

[39:45] – Nella

Mir gelingt es jetzt wirklich auch leichter, allein zu sein. Also jetzt auch ohne Corona. Wie gesagt, ich hatte meinen Dauerlockdown schon vorher und dadurch habe ich gelernt, mit mir zu sein.

Das konnte ich vorher schwer. Ich war dann völlig lost. So: „Ach Gott, was mach ich jetzt, es ja niemand da?“

Das kann ich viel, viel besser. Ich halte mich aus. Das ist doch auch schön.

Wie mich andere aushalten, ist mal die andere Frage. Das kläre ich dann vielleicht in einer anderen Podcastfolge (beide lachen).

[40:24] – Nella

Ich sag mal so zum Schluss: Lasst uns mehr aufeinander achten und aufeinander zugehen, offen bleiben für Menschen. Es geht uns allen einfach besser damit. Unsere Gesellschaft ist eben auch darauf aufgebaut, dass wir Dinge zusammentun.

Und ganz, ganz wichtig die Einsicht: Einsamkeit ist keine Schande, sie ist auch ein nützliches Gefühl. Also, wenn jemand merkt, dass er einsam ist, weiß er oder sie, es ist an der Zeit etwas zu tun. So würde ich das jetzt einfach mal werten.

Danke, lieber Dr. Wolfgang Häfele

[40:55] – Nella

Auf jeden Fall bedanke ich mich sehr herzlich bei dir, lieber Wolfgang, dass du meiner Einladung gefolgt ist. Es hat mir großen Spaß gemacht und schön, dass du dich auf dieses Experiment eingelassen hast, denn ich glaube, es war dein erstes Mal, oder?

[00:40:38.400] – Wolfgang

Auf jeden Fall vielen Dank. Vielen Dank! Es war wirklich schön hier.

Meinen Gesprächspartner Pfarrer Dr. Wolfgang Häfele findest du hier: Friedensgemeinde: Wir sind für Sie da | Evangelische Friedensgemeinde Charlottenburg

Lese- und Hörempfehlungen von Wolfgang und Nella:

Kennst du das Berliner Netzwerk nebenan.de? Das Netzwerk für dich und deine Nachbarn (nebenan.de)

EASE: Erleichtern Sie ihren Weg aus der Einsamkeit | Psychologie heute (psychologytoday.com)

Hartmut Rosa „Resonanz“: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) : Rosa, Hartmut: Amazon.de: Bücher

Daniel Schreiber, „Allein“: Allein : Schreiber, Daniel: Amazon.de: Bücher

Peter Gemeinhardt „Antonius: Der erste Mönch“:“ Antonius: Der erste Mönch : Gemeinhardt, Peter: Amazon.de: Bücher

Und noch eine vertonte Prosaempfehlung:
Rainer Maria Rilke, „Einsamkeit“: Rainer Maria Rilke, Einsamkeit – Bing video
Gesprochen von Udo Lindenberg

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