Zwischen Liebe, Zweifeln, Weiblichkeit und Veränderung. Dies ist der Versuch einer liebevollen Annäherung zweier Frauen an ein sehr besonderes Verhältnis und an die Frage, wie eine Brustkrebserkrankung unser weibliches Selbstbild verändert.
Es gibt Beziehungen, die begleiten uns ein Leben lang. Manche sind unkompliziert, andere ziemlich wechselhaft und anstrengend. Genau betrachtet ist alles ständig in Bewegung. Wir müssen uns immer wieder neu aufeinander einstellen, lernen uns besser kennen, sind mal zufrieden, mal enttäuscht oder traurig. Und manchmal fragen wir uns, warum wir so lange daran festhalten, obwohl es so kompliziert ist.
Eine dieser hochkomplexen Beziehungen führen wir Frauen mit unseren Brüsten.
Klingt komisch? Ist aber so.
Inhaltsverzeichnis auf einen Blick
Beziehungscheck im Schnelldurchlauf
Mal mögen wir sie, mal hadern wir mit ihnen. Mal sind wir stolz auf sie, mal würden wir sie am liebsten verstecken. Manchmal schenken wir ihnen kaum Beachtung. Und manchmal beschäftigen sie uns mehr, als uns lieb ist. Dabei sind sie doch einfach „nur“ ein Teil von uns. Vertraut, selbstverständlich, immer da. Bis sie sich verändern oder uns sogar großen Kummer bereiten. Die Bandbreite der Gefühle ist riesig.
Über diese ambivalente „Brust-Beziehung“ habe ich, Nella Rausch, mich in den vergangenen Wochen immer wieder mit Ulrike Filippig unterhalten. Was keine große Überraschung ist, denn inzwischen befinden wir uns in der letzten Pinktoberwoche.
(Kurze Erklärung: Der Pinktober ist der Brustkrebs-Aktionsmonat Oktober. Er macht jedes Jahr auf Brustkrebs aufmerksam und rückt insbesondere die Bedeutung der Früherkennung, aber auch die Aufklärung über die Erkrankung in den Mittelpunkt.)
Ulrike hat selbst eine Brustkrebserkrankung hinter sich und begleitet heute als sogenannte Onkolotsin und Ausbilderin auf der Insel Fehmarn Frauen, die eine ähnliche Erfahrung machen mussten.
„Jede Frau bringt ihre eigene Geschichte mit. Ihre Vorstellungen von Schönheit, ihre Erfahrungen, ihre Wünsche und Erwartungen, ihre Wut und auch ihre Ängste. Meine Erkenntnis ist, dass es eben nicht die EINE grundsätzliche Beziehung zu ihnen gibt. Da steckt so viel mehr drin“, sagt sie.
Sie lässt einfach nicht locker
Aus unseren Gesprächen wurde mit der Zeit mehr als ein lockerer Austausch, und die Idee zu diesem Blogbeitrag entstand.
„Ulrike, ich kann nicht einfach darüber schreiben, weil ich zwar eine Krebsdiagnose hinter mir habe (Non-Hodgkin-Lymphom, 4. Stadium), aber eben keine Brustkrebsdiagnose. Ich habe viel Fantasie und kann mir einiges vorstellen, vor allem nach den zahlreichen Gesprächen mit anderen betroffenen Frauen, die bereits Gästinnen in meinem Podcast ‚Nellas Neuaufnahme‘ waren. Aber darüber zu schreiben, das fühlt sich für mich nicht richtig an“, erklärte ich ihr, als sie mich bat, dazu einen Text zu machen, und lehnte erst mal ab.
Doch ich hatte unterschätzt, wie hartnäckig Ulrike sein kann. So haben wir uns jetzt darauf geeinigt, dass ich das, was sie mir erzählt hat, und unser beider Gedanken dazu in diesen Text hier verpacke. Denn wir finden beide, dass das Thema einer gründlicheren Auseinandersetzung durchaus würdig ist.
Eine Beziehung, die schon früh beginnt
„Erinnerst du dich noch an deine Pubertät?“, fragte ich sie. „Damit fängt es doch schon an. Ich weiß noch sehr genau, wie entrüstet ich war, als der Nachbarsjunge zu meiner jüngeren Schwester sagte: ‚Nella trägt doch bestimmt schon einen BH!‘ Ich war entsetzt. Was für ein Blödmann. Da war ich 13 Jahre alt und meine Schwester neun.“
Ich behaupte mal ganz dreist, dass du, liebe Leserin, mindestens einen dieser Gedanken in dem Alter auch hattest. Wie zum Beispiel: Wann wachsen sie denn endlich? Warum haben meine Freundinnen schon Brüste und ich noch nicht? Oder umgekehrt: Warum bin ich plötzlich die Einzige, bei der sich schon etwas abzeichnet?
Und kaum sind sie da, beginnt das Vergleichen. Sind sie zu klein? Zu groß? Zu spitz? Zu rund? Warum sieht die eine anders aus als die andere? Und was ist eigentlich mit diesem berühmten perfekten Busen, von dem überall die Rede ist?
Und schon fängt das Bewerten an
Schon früh lernen wir, unsere Brüste nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu bewerten. Schnell kommt eine andere Ebene hinzu. Brüste stehen für Weiblichkeit, Attraktivität, Sexualität und Lust. Das Bewerten nimmt mit jedem Lebensjahr immer mehr Fahrt auf. Wie auf einer Bobbahn. Und wir sind mittendrin.
Sie können ein Teil unseres Körpers sein, den wir besonders mögen. Dann ist alles fein. Oder eben überhaupt nicht. Da wird es dann schon schwieriger.
Und manchmal wechseln diese Gefühle schneller, als uns lieb ist. Interessant ist doch, dass wir uns so viele Gedanken darüber machen, wie unsere Brüste aussehen, und dabei oft völlig vergessen, wie wir uns eigentlich ganz pur und losgelöst davon fühlen.
Ich sag’s ganz ehrlich, mich haben sie am Anfang tierisch genervt. Schon allein beim Rennen. Dieses blöde Wippen wollte ich am liebsten sofort wieder abstellen.
Brüste, Boobs, Titten. Was unsere Sprache über uns verrät
„Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, liebe Nella, wie viele Bezeichnungen es für unsere Brüste gibt?“
„Ja, stimmt! Das ist echt krass: Brust. Busen. Oberweite. Dekolleté. Titten. Möpse. Hupen. Glocken. Melonen. Boobs. The Girls. Milchbar. Meine Güte!“
Kaum ein anderes Körperteil hat so viele Namen. Und jeder bringt eine andere Perspektive mit.
„Brust“ klingt eher sachlich, fast medizinisch. „Busen“ weich, ein bisschen altmodisch und manchmal liebevoll. „Oberweite“ macht aus unserem Körper eine Maßeinheit und weckt bei mir sofort die Assoziation mit einem Korsett, während „Dekolleté“ vor allem das beschreibt, was andere von uns sehen. „Titten“ können derb und sexualisiert klingen, aber auch selbstbewusst und humorvoll verwendet werden. Heidi Klum nennt ihre „Hans“ und „Franz“. Und bei „Möpsen“, „Hupen“, „Glocken“ oder „Melonen“ geht es häufig weniger um die Frau selbst als um den männlichen Blick von außen. „The Girls“, „Boobs“, „Titties“ oder „die Ladies“ dagegen klingen echt stylisch, selbstbewusst und fresh. „Milchbar“ – na ja. „Ich bin doch keine Zapfsäule, Mama!“, reagierte meine Tochter Marlene entsetzt. Den Begriff kannte sie noch nicht.
Schon unsere Sprache verrät, wie viele Rollen und Erwartungen wir diesem Körperteil zuschreiben. Unsere Brüste sollen schön sein. Weiblich. Sexy. Zum Körper passen. Nicht zu groß und nicht zu klein. Möglichst symmetrisch und vor allem möglichst lange straff.
Wenn sich die Beziehung verändert
Im Laufe unseres Lebens übernehmen unsere Brüste immer wieder neue Rollen. Sie sind wahre Multitasker!
Vielleicht werden wir irgendwann schwanger. Das heißt auch, dass sich unser Körper wieder einmal verändert. Unsere Brüste werden größer, empfindlicher, spannen oder ziehen. Und wenn wir stillen, bekommen sie eine ganz neue Bedeutung. Eben waren sie noch ein Teil unserer Sexualität und unserer Sinnlichkeit. Jetzt ernähren sie ein Kind. Das kann wunderschön sein, aber auch anstrengend, ungewohnt oder sogar schmerzhaft.
„Oh je, ich denke bei dieser Passage hier sofort an die diversen Brustentzündungen beim Stillen, Ulrike!“
Denn natürlich bedeutet Mutterschaft nicht, dass unsere Brüste ab jetzt nur noch eine einzige Aufgabe haben. Und – Spoiler – nicht jede Frau wird Mutter. Nicht jede möchte oder kann stillen. Auch das gehört zum Gesamtbild.
Später stellen die Wechseljahre noch mal alles auf den Kopf. Wieder einmal zeigt uns unser Körper, dass eine neue Lebensphase beginnt. Die Haut wird weicher, das Gewebe verändert sich. Einiges fühlt sich anders an. Und wieder lernen wir uns neu kennen.
„Wir nehmen gefühlt immer da zu, wo wir es nicht gebrauchen können, und umgekehrt. Schrecklich ist das“, lache ich.
Vielleicht – und hoffentlich – haben wir ab da gelernt, etwas gnädiger mit uns zu sein. Und wenn nicht, auch okay. Denn diese Beziehung ist eben nicht immer einfach.
Und plötzlich macht uns die eigene Brust Angst
„Da ist etwas. Das müssen wir uns näher ansehen.“ Schrecksekunde. Panik. Schweißausbruch. Wenn du diese Sätze gehört hast, verändert sich alles um dich herum. Die gehen durch und durch. Ohrenrauschen und eine große Ohnmacht überfallen dich. Ab jetzt machen dir die zwei Sorgen und werden zur Bedrohung – irgendwie. Plötzlich macht die Brust Dinge, die so nicht verabredet waren. Die Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt, und wir müssen uns neu ordnen. Oder mal ganz klar gesagt: Sie wird zum möglichen Ausgangspunkt einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Was eben noch easy mitlief, macht Angst. Existenziell und pur.
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Jetzt geht es nicht mehr um Körbchengrößen, sondern um Tumorgrößen
Dann geht es los. Es wird getastet, untersucht, gestanzt und markiert. Der Befund steht im Raum: Brustkrebs. Therapien werden geplant. Vielleicht muss operiert oder bestrahlt werden. Vielleicht wird ein Teil der Brust entfernt. Vielleicht die ganze Brust.
Auf einmal geht es nicht mehr um Körbchengrößen, sondern um Tumorgrößen, Schnittränder und Therapiemöglichkeiten. Und während Ärztinnen und Ärzte verständlicherweise vor allem die Erkrankung und ihre Behandlung im Fokus haben, passiert mit der betroffenen Frau noch etwas anderes. Sie verändert ihre Sichtweise und stellt so einiges infrage. Nicht nur in Bezug auf die Beziehung zu ihrem eigenen Körper und ihren Brüsten, sondern insgesamt auf ihr Leben. Die erkrankte Brust ist dabei eine Art Katalysator oder auch Transformer. Denn die bange Frage ist auch: Wo geht diese Reise jetzt hin?
Fragen und Gedanken
Genau darüber haben Ulrike und ich viel gesprochen. Denn die Diagnose verändert nicht nur das äußere Erscheinungsbild. Sie kann auch verändern, wie eine Frau sich selbst wahrnimmt und ihre bisherige Rolle im Leben definiert.
Gedanken und Fragen, die mit einer solchen Diagnose verbunden sind, die Ulrike auch sehr gut aus ihren Gesprächen mit den Frauen kennt und immer wieder in ihre Ausbildung einbringt, sind beispielsweise diese hier:
Wie werde ich nach der Operation aussehen? Werde ich mich noch mögen oder schön fühlen? Was bedeutet das für meine Weiblichkeit, meinen Selbstwert? Hängt der von meinen Brüsten ab oder nicht? Kann ich das trennen? Haben die Veränderungen Auswirkungen auf meine bisher gelebte Intimität und Sexualität? Und werde ich mich überhaupt in meinem eigenen Körper wieder wohlfühlen können? Wie komme ich dahin? Und: Gelingt mir das?
Dass die Antworten darauf und die entsprechenden Wege individuell sind, überrascht dich sicher nicht. Ist ja völlig logisch.
Jede Frau hat ihre eigene Geschichte
Das Besondere an Ulrikes Perspektive ist die Verbindung ihrer eigenen Erfahrung mit ihrer heutigen Arbeit als Onkolotsin. Sie kennt die Erschütterung, die eine Krebsdiagnose auslösen kann, sehr gut. Gleichzeitig begegnet sie Frauen, die mit ihrer Erkrankung und den körperlichen Veränderungen ganz unterschiedlich umgehen. Gerade diese Vielfalt hat unseren Austausch bereichert.
Denn für die meisten Frauen ist der Verlust einer Brust ein tiefer Einschnitt in ihr Selbstbild. Das Vertrauen in ihren Körper ist zutiefst erschüttert. Andere empfinden vor allem Erleichterung darüber, dass der Tumor entfernt wurde. Manche wünschen sich einen Wiederaufbau, weil sie sich damit wieder vollständiger fühlen. Andere entscheiden sich bewusst dagegen. Und wieder andere möchten ihren veränderten Körper auf ihre eigene Weise gestalten.
Dabei geht es um viel mehr als um Äußerlichkeiten. Es geht um Selbstbestimmung. Um das Gefühl, wieder selbst entscheiden zu können, wie der eigene Körper aussehen soll. Und darum, sich in ihm wieder zu Hause zu fühlen. Aber eben auf eine sehr individuelle Weise. Denn was für die eine Frau wichtig ist, muss für die andere längst nicht dieselbe Bedeutung haben.
Und keine dieser Entscheidungen sagt etwas darüber aus, wie weiblich, stark oder selbstbewusst eine Frau ist.
Tintentherapie. Wenn aus Narben etwas Neues entsteht
Wie unterschiedlich Frauen mit den sichtbaren Spuren ihrer Erkrankung umgehen, hat mich auch in einem meiner Podcastgespräche beschäftigt. In Folge 45 von „Nellas Neuaufnahme“ mit dem Titel „Tintentherapie“ habe ich mit Birgit alias „Tattoo Cat“ über Tätowierungen nach einer Brustkrebserkrankung gesprochen.
Ein Satz von Birgit ist mir besonders in Erinnerung geblieben. „Narben durch Tätowierungen zu überschreiben, ist eine Form von Heilung.“ Ich fand diesen Gedanken unglaublich schön. Denn eine Tätowierung kann weit mehr sein als Körperschmuck. Aus einer Narbe, die eine Frau lange nur mit Schmerz oder Verlust verbunden hat, kann etwas werden, das sie selbst gestaltet hat und wieder gerne anschaut.
Der Blick auf die Narben verändert sich
„Die Narbe verschwindet dadurch natürlich nicht. Auch die Erinnerung bleibt. Aber der Blick darauf verändert sich. Und nicht selten entsteht daraus ein ganz neues Selbstbewusstsein.“ Brigri weiß übrigens, wovon sie spricht. Sie hat ebenfalls eine Brustkrebserkrankung hinter sich.
Nach der Diagnose würden medizinische Untersuchungen, Operationen und Therapien oft über lange Zeit den Alltag bestimmen, erklärt Tattoo Cat. Umso schöner sei es für sie zu beobachten, wie das Selbstwertgefühl der Frauen wieder wachse. Vor allem dann, wenn sie selbst die Regie darüber übernähmen, was mit ihrem Körper und den sichtbaren Spuren der Erkrankung geschehen solle. Nicht mehr die Krankheit gebe die Richtung vor, sondern die Frau selbst.
Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum Birgit in diesem Zusammenhang von Selbstermächtigung spricht.
Dabei muss es nicht immer ein großes Tattoo sein. Manchmal wird eine Brustwarze optisch rekonstruiert, manchmal eine Narbe mit einem kunstvollen Motiv gestaltet. Und wieder andere Frauen entscheiden sich ganz bewusst dafür, ihre Narben so zu lassen, wie sie sind. Auch das ist völlig in Ordnung. Denn keine Frau muss ihren Körper verschönern oder verändern, um sich wieder vollständig fühlen zu dürfen. Entscheidend ist doch, dass sie selbst bestimmen kann.
Wenn dich das Thema interessiert, hör gerne in meine Podcastfolge 45 „Tintentherapie“ mit Tattoo Cat rein. Darin sprechen wir ausführlicher über Tätowierungen nach einer Krebserkrankung und die Bedeutung, die sie für betroffene Frauen haben können. Hier der Link: https://www.zellenkarussell.de/45-tintentherapie/
Wenn Nähe und Intimität nicht mehr selbstverständlich sind
Ein weiteres Thema, das bei unseren Gesprächen nicht fehlen durfte, ist die Sexualität. Denn irgendwann ist die Operation vorbei. Die Bestrahlung abgeschlossen. Vielleicht auch die Chemotherapie. Die Kontrollen werden seltener. Das Umfeld atmet auf. Und dann?
Wie kann eine Brust, die monatelang untersucht, gestochen, operiert und vielleicht schmerzhaft berührt wurde, plötzlich wieder ein Ort der Lust sein? Wie soll das gehen? Gerade dann, wenn sie sich taub anfühlt oder der ganze Bereich empfindlicher geworden ist. Oft genug kommen Probleme mit dem Lymphabfluss dazu. Die Lymphflüssigkeit fließt nicht mehr richtig ab, alles schwillt an, der Arm wird schwer. Und oft ist es gar nicht nur die körperliche Veränderung selbst, sondern die Erinnerung an das, was dieser Körper erlebt hat.
Auch für die Partnerin oder den Partner kann das verunsichernd sein. Nicht selten gibt es zunächst ein Zurückzucken bei der noch so zärtlichen Berührung. Darf ich sie dort berühren? Tut ihr das weh? Möchte sie das überhaupt? Und wie fragt man danach, ohne dass es fordernd, kalt oder angestrengt-kompliziert rüberkommt?
Wenn der Körper Zeit braucht
„Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, dass nach einer Krebsbehandlung einfach wieder alles so sein muss wie vorher. Es kommt vor, dass heute eine Berührung angenehm ist und morgen nicht. Vielleicht wünschen wir uns Nähe, aber keine Sexualität. Wir möchten auch erst einmal selbst herausfinden, wie sich unser Körper jetzt anfühlt, und tasten uns ran. Mit der eigenen Hand auf einer Narbe, dann beim Eincremen oder beim vorsichtigen Betrachten im Spiegel.“ Das gehöre alles dazu, meint Ulrike.
Was es vor allem braucht, ist Zeit und Geduld. Ja, ich weiß, das ist nicht unser Lieblingswort. Hier gehört es aber hin. „Ohne Gespräche und einen offenen Austausch über Wünsche, Wahrnehmungen und Ängste wird es schwierig. Das weiß auch ich, liebe Ulrike.“„Die neue körperliche Nähe zur Partnerin oder zum Partner ist ein großes Thema, das wir nicht durch Schweigen und Rückzug lösen.“
Das alles kann genauso sein. Muss es aber nicht. Denn auch hier gibt es keinen vorgegebenen Weg.
In der Sendung „Nachtcafé“ vom 19. Juni 2026 mit dem Titel „Liebe – Vom Finden und vom Bleiben“ rede ich mit Michael Steinbrecher darüber, wie sich die Diagnose Krebs auf unsere Partnerschaft und Intimität ausgewirkt hat. Hier der Link: [noch ergänzen]

Leseempfehlung aus dem „Zellenkarussell“: „Ich bin die Bank, auf die du dich setzen kannst“
Ein liebevollerer Blick entsteht nicht über Nacht
Je länger Ulrike und ich über unsere Beziehung zu den Brüsten gesprochen haben, ganz allgemein, aber auch sehr persönlich, desto deutlicher wurde uns, wie vielschichtig diese Annäherung ist. Und wie happy wir darüber waren, uns auf diese Form der Betrachtung eingelassen zu haben.
Am Anfang unseres Lebens vergleichen wir sie mit denen anderer Frauen. Später verbinden wir sie mit Attraktivität, Sexualität oder Mutterschaft. Außerdem kommen unsere Erfahrungen aus Beziehungen und Gesprächen mit Freundinnen hinzu. Das sind manchmal bereichernde Impulse, manchmal aber auch verstörende Auseinandersetzungen. Manche Beziehungen zu den beiden entwickeln sich ganz allmählich, gesund und organisch. Andere bringen uns völlig aus dem Takt und reißen ein tiefes Loch in unser bisheriges Selbstverständnis.
Ulrikes eigene Brustkrebserkrankung hat ihren Blick auf den weiblichen Körper verändert. Durch den Austausch mit „ihren“ Frauen kommen immer wieder neue Sichtweisen hinzu, die ihr Verständnis vertiefen und bereichern.
Was Weiblichkeit bedeutet, entscheidet natürlich jede Frau selbst
Sie betrachtet das ganze Thema inzwischen entspannter, aber auch intensiver und bewusster. „Weißt Du, Nella, da gibt es die Frauen, die mit ihrem veränderten Körper hadern. Frauen, die ihn neu entdecken und sich einfach schön fühlen. Frauen, für die ihre Brust einen großen Teil ihrer Definition von Weiblichkeit ausmacht und die sich den Einsatz von Implantaten wünschen. Und solche, die sich, ohne mit der Wimper zu zucken, von ihnen trennen, weil sie sie als Bedrohung empfinden.“
„Keine dieser Geschichten lässt sich mit einer anderen vergleichen. Sollen sie auch nicht“, betont sie.
In unseren Telefonaten ging es deshalb natürlich weniger darum, wie eine Brust auszusehen hat, sondern darum, welche Bedeutung wir ihr selbst geben. Dass wir anfangen, unsere Brüste nicht mehr nur durch die Erwartungsbrille anderer zu betrachten, sondern eine entspannte Beziehung zu ihnen zu pflegen. Ganz ohne Druck.
Auch mit etwas mehr Verständnis für die Veränderungen, die sie im Laufe unseres Lebens durchmachen. Und mit der Erkenntnis, dass wir nicht verpflichtet sind, jede dieser Veränderungen schön zu finden. Natürlich dürfen wir auch traurig, wütend oder einfach nur genervt sein. Aber auch stolz und happy!
All das gehört nun einmal zu einer lebenslangen Beziehung dazu.
Mal vertraut, mal fremd. Und immer ein Teil von uns
Was nehme ich aus den Gesprächen mit Ulrike mit? Vor allem die Erkenntnis, dass unsere Beziehung zu unseren Brüsten niemals fertig ist. Sie verändert sich mit uns. Mit unserem Älterwerden, unseren Erfahrungen, unseren Begegnungen mit anderen Frauen und manchmal leider auch durch eine Erkrankung, die alles infrage stellt, was vorher selbstverständlich war.
Und noch eins: Unsere Brüste sind ein Teil unserer Geschichte. Aber sie sind nicht unsere ganze Geschichte. Sie hängen – diese lockere Formulierung musste jetzt dringend sein – da irgendwie mit drin.
Frau sein ist so viel mehr.
Darüber dürfen wir auch viel häufiger miteinander sprechen. Auch nach dem Pinktober.
Mehr über meine Gesprächspartnerin Ulrike Filippig
Ulrike Filippig ist zertifizierte Trainerin für Onkolotsinnen und Onkolotsen, organisiert Qualifizierungskurse auf Fehmarn und ist als Dozentin für die Sächsische Krebsgesellschaft tätig.
Mit Vorträgen – auch abseits der Insel – setzt sie sich dafür ein, dass die wichtige Arbeit der Onkolotsinnen und Onkolotsen im Gesundheitssystem stärker verankert wird.
Außerdem engagiert sie sich in der ambulanten Palliativversorgung im östlichen Holstein.

>>> https://www.ulrike-filippig.de/über-mich
Und hier noch einige Infos zu Birgit Lessing alias „Tattoo Cat“

Podcastfolge 45 „Tintentherapie“ mit Tattoo Cat
Medizinische Tätowierungen: Studio für medizinische Pigmentierung in Hessen
Birgit Lessing
Korbacher Straße 17b
34270 Schauenburg / Elgershausen
Telefon: 05601 5699
mobile: 0172 5636202
E-Mail: info@tattoo-cat.de
Meine Ratgeber:
FLIEGEN MIT VERKLEBTEN FEDERN.
Wie Du nach der Krebstherapie Dein Leben neu entfaltest.
Ein Erfahrungs- und Strategiebuch.
Veröffentlich am 4. Februar 2026.
Für mehr Informationen, klicke auf diesen Link.
Mein 1. Ratgeber: „Warum sagt mir das denn niemand?“
Was Du nach einer Krebsdiagnose alles wissen musst!
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